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des Fotos

Was siehst du? Einen Zaun, krumm und schief. Wirklich? Du musst das Bild dekonstruieren, in acht einzelne Balken zerlegen, um dann die Einzelteile gerade sehen zu können. Das ist aber nicht die Wirklichkeit. Nach der Rekonstruktion bleibt das Ensemble nämlich trotzdem krumm, obwohl es aus geraden Elementen aufgebaut ist. Hast du soeben überprüft. Und dennoch siehst du es jetzt krumm und schief. Dein Sehsystem im Gehirn will es so. Im Gehirn entsteht das Schiefe aus dem Geraden; oder das Gerade aus dem Schiefen. So funktioniert Wirklichkeit.

Niemals die Realität an sich

Wer Fotos für Abbildungen der Realität hält, erliegt einer Illusion

Von Hajo Gärtner

Bevor ich meine Theorie »Fotos sind eine Realitäts-Illusion« entwickle und an konkreten Beispielen erläutere, hier eine interessante aktuelle Begebenheit. Kollegin Sabine Hilbert-Opitz wollte die Daheimgebliebenen mit Schnappschüssen an den Erlebnissen der DJO-Musiker auf USA-Fahrt teilhaben lassen. Sie benutzte dazu ihr Smartphone. Aber pardautz: Die Fotos standen in der BiD-OWL-Bildergalerie in großer Zahl auf dem Kopf oder lagen auf der Seite. Nun wird niemand glauben wollen, dass die jungen Musiker ihr Konzert mit einem Kopfstand eingeübt haben. Die Fotografin konnte machen, was sie wollte, die Bilder zeigten die Welt auf dem Kopf. Was - um Himmels willen - war geschehen?

Die Lösung des Rätsels: Im beliebten und meistgenutzen Foto-Format »JPG« werden nicht nur die Pixel codiert, die das Objektiv liefert, sondern auch jede Menge Information über die Situation, in der das Foto entsteht. Da gibt es zum Beispiel die »Exif-Orientation«, in der die Bildposition definiert wird (oben, unten, Seitenlage). Man kann mit einem Hex-Editor den Namen des Programms auslesen, mit dem das Foto bearbeitet worden ist, und Vieles mehr. Bloß nicht die Körbchengröße der Fotografin. Zehn Speicherkategorien bietet zum Beispiel das populäre und kostenlos downloadbare Bildbearbeitungsprogramm »IrfanView« an (ich kann es nur wärmstens empfehlen). Alle Informationen sind im Bild codiert, ohne dass ich sie sehen kann: von wegen »bloßes Abbild der Realität«. Wer sich auskennt, kann die Informationen aber auch löschen. Auch mit »IrfanView«. Und das ist genau der Weg, wie ich die Bildergalerie von der DJO-USA-Fahrt gleich reparieren werde.

Fotos zeigen niemals die objektive Realität. Das »Ding an sich« können wir nicht erkennen. Wir leben in einer Welt der Erscheinungen, der »Dinge für uns«. Diese Wahrheit ist gebildeten und aufgeklärten Köpfen seit »Kants Kritik der reinen Vernunft« (1871) klar wie Kloßbrühe. Trotzdem grassiert unter den Zeitgenossen immer noch der Irrglaube, Fotos bildeten die Realität ab. Tatsächlich zeigen sie eine Wirklichkeit, eine Interpretation der Realität, die von vielen Faktoren abhängt. Das Foto erfasst - von Panorama-Aufnahmen einmal abgesehen, die deutlich sichtbar konstruiert sind  - immer nur einen kleinen Ausschnitt der Realität, wie sie sich dem Beobachter (Fotografen) zu einem bestimmten Zeitpunkt aus einem gegebenen Blickwinkel und in der ausgewählten Perspektive darbietet. Die anschauliche Qualität hängt dabei auch noch vom Objektiv, der gewählten Kamera-Auflösung, Blende, Verschlusszeit und eventuellen Filtern ab. Die kann man sogar noch ex post anwenden.

Der Betrachter erlebt gewissermaßen die höchst subjektiv konstruierte Wirklichkeit des Fotografen. Das ist aber noch nicht alles: Jedes Foto gewinnt durch Schnitt und weitere Bearbeitung. Das weiß jeder, der sich im Metier auch nur ein bisschen auskennt. Also: Noch vor jedem manipulativen Photoshop-Einsatz besteht eine große Differenz zwischen der angenommenen Realität und der Wirklichkeit des Fotos. Und tatsächlich interessiert mich die Wirklichkeit mehr als die Realität, denn sie erscheint als Produkt von Wirkungen und wirkt selbst zurück (= Phänomen). Realität ist nicht mehr, als der lateinische Name aussagt: bloße Sache. Entfernt, kalt und stumpf. Der Realität fehlt die Wärme der subjektiven Durchdringung und der elektrisierende Strom der Emotionalität. [wird fortgesetzt und mit Beispielen illustriert ]