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Theorie

Konstruieren statt Abbilden

Wirklichkeit ist nicht gleich Realität und Film nicht deren Widerspiegelung

Von Hajo Gärtner

AXIOM 1: Es kommt nicht darauf an, die Realität genauso wiederzugeben, wie es vielleicht gewesen ist. Wer kann das hinterher schon mit Gewissheit sagen? Das schaffst du nicht, weil die Datenmenge, die Realität ausmacht, schlicht nicht zu fassen ist. Du erfasst immer nur einen Ausschnitt.

AXIOM 2: Filme, was das Zeug hält, aber verwende hinterher nur einen Bruchteil des Materials. Du weißt vorher nie, was du an Realität einfangen wirst: Es ist immer zu wenig. Aber was du dann hinterher auf der Festplatte hast, ist stets viel zu viel. Von der Wirklichkeit bist du zu diesem Zeitpunkt meilenweit entfernt.

AXIOM 3: Wenn du die Realität wiedergibst, was nach Axiom 1 unmöglich zu schaffen ist, langweilst du deine Zuschauer, weil du nur eine Wiederholung bietest dessen, was gewesen ist.

AXIOM 4: Realität und Wirklichkeit sind zwei Paar Schuhe. Wirklich ist, was ich erlebe. Ich bin dabei subjektiv beteiligt mit allen Sinnen und dem Verstand und allem, was mich ausmacht. Ich bin immer Teil der Wirklichkeit, während die Realität mir objektiv gegenüber steht. Walter Faber aus Max Frischs Romanwelt kann nichts erleben, weil er Wirklichkeit mit Realität gleichsetzt und aus dieser Reduktion nicht herauskommt. Er ist zwar dabei, aber niemals mittendrin. Verzweifelt will er mit der Kamera alles festhalten und verwechselt die dokumentierte Faktenlage (Realität) mit der erlebten Wirklichkeit, die nicht auf Zelluloid gebannt werden kann, sondern sich im Kopf, im Bauch und sonstwo im Körper abspielt. Daraus folgt: Ich kann die Wirklichkeit mit der Kamera nicht abbilden, indem ich auf den Aufnahmeknopf drücke und draufhalte. Und ich kann Wirklichkeit nicht präsentieren, indem ich Abgefilmtes zeige: Das ist zum Gähnen langweilig und erfasst allenfalls Bruchteile der (gewesenen) Realität.

AXIOM 5: Der Videoclip stellt  Interpretation von Realität dar. Allein schon durch die Auswahl des Materials interpretiere ich und gebe meine Sicht der Dinge zum besten. Und genau dafür interessieren sich die Anderen: Der Mensch ist dem Menschen das Wichtigste. Warum die Sache dann nicht auf die Spitze treiben: Statt einer Realitätsillusion, die niemals stimmt, präsentiere ich einen bewusst subjektiv aufbereiteten Wahrnehmungsausschnitt. Drei gut überlegte Clip-Minuten einer Theateraufführung können beträchtlich mehr ausdrücken als ein Drei-Stunden-Mitschnitt. Allerdings brauche ich dazu aussagekräftiges Aspekt-Material und den Mut, anderes Material im PC-Papierkorb zu versenken. Es kommt auf das an, was du auswählst, nicht auf das, was du weglässt. Sei grausam zu dir selbst.

AXIOM 6: Jeder Videoclip erzählt eine Geschichte. Und das ist auch richtig so: Menschen lieben nichts mehr als Geschichten. Schaut euch die kleinen Kinder an: Die schlafen niemals ein ohne eine Gute-Nacht-Geschichte. Nicht die Müdigkeit bringt sie in den Schlaf, sondern das beruhigende Gefühl, dass die Welt in Ordnung ist, weil eine runde Geschichte ihren befriedigenden Abschluss gefunden hat. Eine gute Geschichte muss rund sein: Sie hat einen Anfang, einen Klimax-orientierten Mittelteil und eine Zuspitzung (Pointe) am Ende. Wenn du einen Videoclip schneidest, erzählst du eine Geschichte; du stellst eine runde Sache her und machst am Ende den Sack zu. Du hast etwas erlebt, vor allem gefühlt, und das musst du nun im Clip wiedergeben. Schnell merkst du, dass dein Material, die abgefilmten Realitätsfragmente, nicht ausreichen. Stets hast du die falsche Perspektive: Totale, wo es darauf angekommen wäre, die Spuren des Erlebnisses in einem schönen Gesicht zu zeigen. Großaufnahmen, wo die Interaktion zwischen Personen das Erlebnis ausgemacht hat. Reden wir erst gar nicht von Halbheiten wie Halbtotalen und dem übrigen Quatsch der Filmtheorie.

AXIOM 7:  Je weiter du dich auf der Basis spontaner Einfälle von der bloßen Realität entfernst, desto näher kommst du an die Wirklichkeit heran: also an dein Gefühl, deine Lust, deine Begeisterung oder aber deine Angst, Ekel und Abscheu. Das schaffst du, indem du überraschende Aspekte in deinen Clip einbaust. Ein Beispiel: Du findest eine Musical-Aufführung deiner Mitschüler phänomenal. Einfach großartig. Vielleicht könntest du heulen vor Glück. Und was zeigst du: Da hopsen Figürchen über die Bühne, grauenhaft klein in Totalansicht, halb verdeckt von den Hinterköpfen der Zuschauer in der ersten Reihe. Akustisch garniert mit Geträller, das man nur mit Mühe den Zwergen im Bild zuordnen kann. Sorry, du zeigst eben nicht, wie du meinst, die Wirklichkeit, die du erlebt hast, sondern eine Realitäts-Projektion, aus der heraus keiner deine Begeisterung verstehen kann. Komme aus deinem Totale-Versteck heraus, gehe mit der Kamera ganz nah ran, am besten bis vor die Nasenlöcher, und konzentriere dich auf geglückte Momente. Halte dabei Emotionen fest, keine Fakten. Zeige die Spuren des Erlebnisses in den Gesichtern oder an den Körpern. Mache einen kompakten Clip wie Max oder Fabian und kein Endlos-Bubblegum. Fotografien bieten in diesem Punkt ein gutes Anschauungsmaterial: Was für ein Unterschied zwischen gedankenlosem Massenhaft-Geknipse und einem gut überlegten und klug inszenierten Einzel-Schuss! So ist es auch beim Videoclip: Du musst tief nachdenken, klug inszenieren, eine Geschichte abrunden. und das kannst du mit dem Instrument der digitalen Schere wunderbar. Dein Clip entsteht in einem Vulkan-Ausbruch an Kreativität, vergleichbar allenfalls mit dem Schöpfungsakt an den sechs Tagen der Welterschaffung. Dein Vorteil: Du hast vorgeformtes Material zur Verfügung und musst nicht ex nihilo kreieren wie dein großer Vorgänger.

AXIOM 7: Was ich hier beschrieben habe, ist das Wesen von Kunst. Ob ich es mit Bildern, Tönen, Texten oder was auch immer zu tun habe: Zur Wirklichkeit, um die es mir geht, dringe ich nur mit Fantasie und Kreativität vor, niemals durch bloße Wiederholung oder scheinbare Widerspiegelung der Realität.

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Das war die Theorie, jetzt will ich das Thema an einem praktischen Beispiel ausführen.

Ich beziehe mich auf eine Performance, die vier Schülerinnen der Jahrgangsstufe 12 im Rathaus als Interpretation einer Kunstausstellung am Freitag, 18. Februar 2011, vor etwa hundert Ausstellungsbesuchern vorgeführt haben. Zu Beginn stehen Elina und Maria auf der Rathaus-Treppe, mittlere Ebene; Anna kommt von oben dazu, Saskia von unten. Minutenlang, so kommt es mir vor,  verharren sie schweigend, bevor sie sich dem Publikum zuwenden und den Titel ihrer Performance bekanntgeben: »Komposition«. Das klingt banal, doch ich spüre die Spannung im Publikum: Was soll das? Was kommt da jetzt auf uns zu? Warum stehen die da oben auf der Treppe? Und dann auch noch in diesem sehr eleganten, figurbetonten, aber auch durchaus unheimlichen schwarzen Outfit! Sie sehen klasse aus: wie vier schöne Schicksalsgöttinnen, die gleich die Apokalypse heraufbeschwören.

Wie, um Himmels willen, kann ich diesen Eindruck im Videoclip ausdrücken?

Das Mittel erster Wahl ist Musik. Kein Videoclip ohne Musik-Untermalung! Musik erzeugt und trägt Stimmung wie kein anderes Medium. Musik spricht tiefe Schichten an, ein starker Strom im Unterbewusstsein. Ich brauche einen geheimnisvollen, düsteren Klanguntergrund. Und einen speziellen Rhythmus: Nichts kann den unheilvollen Stillstand besser inszenieren als Dynamik, die sich hart und kompromisslos wiederholt. Und wie ein Bruder eilt dem musikalischen Einfall der optische hinterher: Der Bild-Hintergrund soll sich bewegen; geheimnisvoll, undurchschaubar, aber zyklisch. Als rasanter Kontrast zu den reglosen Figuren, deren Stillstand durch dieses Spannungsverhältnis Dynamik entwickelt: Denn nun scheinen sich die Mädels relativ zum Hintergrund zu bewegen. Obwohl sie stillstehen!

Nebenbei: Ich habe ein Bild geschossen, das zentrale Werk der Ausstellung. Wow, wie geschaffen für meine Hintergrund-Idee. Und diese Idee will ausgebaut werden (das ist nun die Schwester des musikalischen Einfalls): Ich dynamisiere den Hintergrund als durchgängiges Gestaltungsmittel. Das geht immer, wenn zum Beispiel eine halbwegs weiße oder monochrome Farbfläche den Background bildet. Ich ziehe zwei Ebenen übereinander wie durchsichtige Folien: Handlungsvordergrund und atmosphärischer Stimmungshintergrund, verändere Farben und Formen. Nun brauche ich in meinem Video-Schnittprogramm die Transparenz-Werte der Ebenen nur noch auf die richtigen Werte zu bringen und ernte die visuellen Resultate, die mit meinem Zuschauer-Gefühl im Performance-Prozess korrespondieren. Der mit musikalischen und optischen Mitteln als Video inszenierte Performance-Einstieg wirkt spannungsgeladen und ich erlebe die seelische Dynamik vom Freitagabend noch einmal. Ich habe nichts hinzugefügt, wenn es um die präzise Wiedergabe dieses Erlebnisses geht; habe mich jedoch durchaus von der Realität entfernt, die immer zu wenig ist (Adorno).

Und dann habe ich zufälligerweise dieses kleine Mädchen im Publikum gefilmt: Verwundert schaut es auf das seltsame Treiben der vier großen Mädels auf der Treppe. Sein Gesicht zeigt im flüchtigen Moment die ganze Palette von Faszination bis Irritation; ich sehe Spuren der Angst vor dem Dunklen, Unbekannten, aber auch Neugier und Belustigung. Verdammt, was habe ich heute für ein Glück: Dieses Mädchengesicht kann in zwei kurzen Einblendungen die  düstere Komponente der Performance wunderbar indizieren. Die Komponente sagt zutreffend: Kombination ist Neuschöpfung; aber vor der Schöpfung steht immer auch die Zerstörung, die ein vorgegebenes Ganzes in Teile zerlegt, um sie neu zu kombinieren. Jeder Schöpfer von Neuem ist auch der Zerstörer von Altem. Zerstörung ist der Vater des Fortschritts. Eine düstere Wahrheit.

Da habe ich meine Story. Sie wird - welch ein Glück! - von der anschließenden Dynamik der Performance weiterentwickelt. Vom ersten reglosen Moment an treibt sie zielsicher auf die Klimax zu. Der Motor der Entwicklung sind Widersprüche, krasse Gegensätze, Eskalationen.

Aufsteigende Szene an der Treppe:  Anna formt einen schroffen spitzen Winkel mit den Armen und sperrt Saskia damit ein. Harte Mine, brutale Geste, rücksichtsloser Übergriff: Nur ein schwarz flimmernder Hintergrund kann die dunkle Energie der Figurenkonstellation korrekt illuminieren, abgelöst von flirrendem Weiß und strudelndem Bunt. Saskia befreit sich aus dem Zugriff und trägt - absolut logisch - die Aggression weiter: Sie macht Elina nieder (»klein«, »gedrungen«), die - wiederum ganz logisch - den Ausbruch durch »Kampf« und »Power« sucht. Dadurch wird am Ende der Szene Marias Widerstand provoziert (»stop«). Bis hierher und nicht weiter: Die ganze Gruppe stürzt irritiert die Treppe hinab (»Verwirrung«).

Der Widerspruch als Motor der Entwicklung: Harmonie und Entzweiung; harte Ecken, spitze Winkel und organische Formen; Linien und Flächen; Zusammenarbeit und Zusammenprall; unten und oben; leise und laut; Verschmelzung mit dem Publikum und irritierende Konfrontation. Wow, das ist die Veranschaulichung von Dialektik! Ich muss die Elemente der Choreographie nur noch in harten Schnitten gegeneinander setzen. Alle retardierenden Momente, Verschnaufpausen, verzögernde Schwenks müssen raus. Ausdrucksstarke, polternde Momente brauchen eine Verstärkung um bis zu 10 Dezibel.

Von den geschätzten 10 bis 15 Minuten der Performance bleiben im Clip rund 4 Minuten übrig. 240 arrangierte und durchgestylte Sekunden sind wahrer als 600 bis 900 Sekunden ungeschnittenes Rohmaterial. Sie zeigen die Wirklichkeit. Sie demonstrieren, was ich empfunden habe. Was das Publikum gefühlt hat. Ja, ich bin so vermessen, das beurteilen zu wollen. Man merkt halt, was andere fühlen. Ich kann es an den Gesichtern ablesen. Man kann es im Videoclip an bestimmten Stellen ja auch gut sehen. Eine Aufführung lang lieben die Ausstellungsbesucher diese vier mutigen Mädels, die über mehrere Rathaustreppen-Ebenen toben, dem Publikum bis in die Nasenlöcher kriechen, sich gegenseitig zersetzen und aufbauen, und verdammt gut aussehen in ihrem schwarzen Outfit. Diesen Faktor der Publikumswirkung sollte man nie unterschätzen.

Am Ende eine kleine Enttäuschung: Meine dramatische Zuspitzung läuft ins Leere. Denn die Tänzerinnen - jawohl, der Ausdruck scheint mir angebracht - rudern nach dem polternden Treppenaufstieg und der Konfrontationsstellung gegen das Publikum zurück. Ganz harmlos, artig, fast flötend präsentieren die schwarzen Priesterinnen kompromissloser Performance das unschuldige Thema der Ausstellung: »Komposition«.

Harmloser Ausgang, Erleichterung, Versöhnung. Herrgott, was ist jetzt mit meiner Story? Meiner runden Geschichte, die ich im Videoclip erzählen will? Mit einer grandiosen Zuspitzung am Ende? Die Geschichte geht nicht auf. Sie bleibt in der Schwebe. Ein Paradox. Beruhigender Gedanke: Dann habe ich eben etwas Eigenes geschaffen, angeregt durch dieses tolle Erlebnis an der Rathaustreppe. Aber mein Clip enthält trotzdem viel Wirklichkeit, die ich erlebt habe. Ich arbeite die Nacht durch. Am frühen Morgen ist der Clip fertig. Ich bin glücklich.