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Schüler-Demo

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Gegen Amok-Kritzler

Schüler beklagen Unterrichtsausfall und Störung des Schulfriedens

 Von Hajo Gärtner (Text, Fotos, Videoclip)

Stell dir vor, Schule fällt aus − und niemand freut sich. So sieht's aber aus angesichts wiederholter Androhungen eines Amoklaufs. Gekritzel, mal auf dem Jungen-, mal auf dem Mädchenklo. Keiner nimmt's richtig ernst, trotzdem läuft das volle Abwehr-Programm an: Zugang zur Schule abgesperrt, Polizei auf dem Campus, Taschenkontrollen am Eingang. »Bald machen sie noch Leibesvisitationen«, frotzelt ein Schüler. Ja, die bombastischen Sicherungsmaßnahmen wirken angesichts des lächerlichen Klo-Gekritzels wie der berühmte Kanonenschuss auf den Spatzen.

Muss das sein ? Man könnte meinen: Nein. Einer, der es ernst meint, wird die geplante Tat wohl kaum ankündigen und schon gar nicht an einem Tag ausführen, an dem alle damit rechnen. Der kommt am nächsten, übernächsten Tag oder noch viel später; auf jeden Fall unvorhergesehen. Die Reaktion auf Amoklauf-Drohungen, und seien sie noch so unglaubwürdig, ist inzwischen eingespielt und scheint juristisch geboten. Wer steht denn gerade, wenn eine Drohung als lächerlich abgetan worden ist und dann wirklich mal etwas passiert ? Und sei es durch einen frustrierten Trittbrettfahrer, bei dem die Amok-Drohung so aufreizend wirkt wie der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt ?

Die Schüler finden es längst nicht mehr lustig. Der Unterrichtsausfall nervt. Klassenarbeiten mussten verschoben werden, Abi-Klausuren waren bedroht. Nun hat die Schulleitung auch noch angekündigt, ausgefallenen Unterricht an Samstagen nachzuholen. Da hört der Spaß auf, da schlägt der Frust voll durch. Schüler wollen lernen, und zwar zur rechten Zeit. Das machten sie auf Transparenten in einem Demonstrationszug klar; und sie wollen sich von Idioten nicht in Angst und Schrecken versetzen lassen. Solche Drohungen stören den Schulfrieden und das anerkannt gute Klima der Schule. Selbst wenn die Klo-Kritzeleien nicht ernst gemeint sein sollten: »Wir wollen keine Gewalt, keine Androhung von Gewalt und auch kein Spiel mit solchen Gedanken«, sagt einer, der richtig sauer ist auf die »Verrückten, die mit dem Feuer spielen«.

SV-Sprecher Yoshua Eggert hielt eine leidenschaftliche Rede vor der versammelten Schülerschaft. Ohne Megafon. Die Emotion gab seiner Stimme genügend Durchschlagskraft. Er finde es »einfach nur scheiße«, was diese Kritzler da machen. Er zeigte Mitgefühl mit Lehrern, denen gut vorbereitete Unterrichtsstunden platzen, und Schülern, denen Unterrichtsausfall und verschobene Klassenarbeiten zusetzen. Dann forderte er seine Zuhörer zu einem Demonstrationszug auf, der über den ganzen Schulhof reicht: »Jetzt nehmen wir uns alle bei der Hand und marschieren einmal ganz rum !« Das ergab eine eindrucksvolle Kette des Protestes vom Haupteingang über den E-Bau-Hof bis unter den Löwengang.

Ob's was nützt ? Ob es potenzielle Amok-Drohlinge in Zukunft von ihren Kritzeleien abhält ? Schwer zu sagen. Aber wertvoll ist das deutliche Bekenntnis der Gemeinschaft zu Schule und Unterricht allemal. Schüler wollen lernen und freuen sich nicht über Unterrichtsausfall. Und sie wollen kein Klima der Angst, sondern das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit in einer Schule, die betont auf »good vibrations« und »I'm feeling good« setzt. Da kann man schlechte Gedanken und üble Laune überhaupt nicht gebrauchen. Und Gewaltandrohungen schon mal gar nicht.

Alle sind genervt: Schüler, Lehrer, Eltern, Polizisten. Letztere ganz besonders: Was ist das für ein blöder Job, Schulen abzusperren, Schülertaschen zu durchsuchen und den ganzen Tag dumm rumzustehen ? Polizisten haben wahrlich Wichtigeres zu tun, denn die Sicherheit wird an ganz anderen Stellen empfindlich gestört. Hoffen wir also, dass nach dieser machtvollen Schüler-Demo gegen Amok-Kritzler der Spuk am Grabbe-Gymnasium ein Ende hat.