2017

Jeden Tag frisch verliebt

überraschende Einblicke in die Welt der Demenz-Patienten

Von Hajo Gärtner (Text und Fotos)

Ein buntes Bild: scheinbarer Widerspruch zum grauen Alltag. Nicht nur das Haar verliert im Alter an Farbe und Glanz; das ganze Leben scheint an Leuchtkraft zu verlieren. So sieht es aus Sicht einer Gesellschaft aus, die sich ganz auf Jugend, Schönheit und Vitalität fokussiert. Altwerden - eine deprimierende Perspektive? Ganz bestimmt für Leute wie mich, die einen Horror vor dem Altern haben und eine Heidenangst vor dem Tod. Die Schüler haben es im Sozialpraktikum aber ganz anders erlebt: «Ich habe von Anfang an vermutet, dass alles gar nicht so schlimm ist, wie man gemeinhin denkt», sagt Luna, die zusammen mit Torben im Haus der Diakonie in Lage stationiert ist. Und in ihrem Tagebuch steht unter der Rubrik «Der zweite Tag»: Ich habe mich sehr gern mit diesen Leuten unterhalten und auch der Umgang war kein schwieriger oder anderer als zu «normalen» Menschen. Damit meint sie die Demenz-Patienten im Erdgeschoss, und keineswegs abschätzig. Im Gegenteil: Das schönste Erlebnis sei «definitiv» die Dankbarkeit der Hausbewohner gewesen. So das Resümee des siebten Tages, also die Endabrechnung.

Daraus lässt sich schließen, dass junge Leute Dankbarkeit im normalen Alltag immer  weniger erleben und dass sie ihnen deshalb unter den besonderen Umständen der Pflege von Bedürftigen geradezu ins Auge sticht. Die große Freude über nette Gesten und die kleinen Gefälligkeiten des Alltags: Man muss schon in ein Seniorenheim gehen, um das noch erleben zu können.

Natürlich finden sich in Lunas Bericht auch kritische Bemerkungen; aber nur ganz am Rande. Deutlich spürbar ist der Stolz, die ungewohnte Situation mit Bravour gemeistert zu haben. Luna könnte sich sogar vorstellen, im sozialen Sektor zu arbeiten. Das kann Torben nicht. Aber er räumt großen Respekt vor der Leistung der Pflegekräfte ein. Wie die ihre strapaziöse Aufgabe bewältigen, und das unter den Bedingungen personeller Knappheit: schon erstaunlich. «Hut ab», schreibt Luna.

Auch Janis zeigt sich beeindruckt vom Phänomen Dankbarkeit: «Gut hat mir gefallen, wie begeistert manche der älteren Leute waren.« Dennoch räumt sie ein, dass sie «nach dem ersten schwierigen Tag gar keine Lust auf die nächsten Tage hatte». Doch diese anfängliche Skepsis legte sich gleich am zweiten Tag: Da begleitete sie Senioren zum Kegeln, und das wurde eine lustige Angelegenheit.  Vielleicht auch gerade deswegen, weil die meisten Kugelschieber vom Rollstuhl aus operieren mussten. Und es gab etwas zu lernen über Ergotherapie. Du siehst also: Schüler sind immer und überall Schüler; neugierig und wissbegierig. Fein!

Melisa erlebt das Praktikum etwas anders. Während Janis offensichtlich auf Action steht, formuliert Melisa so: «Meine schönsten Momente waren die freien Minuten, in denen man sich einfach zu irgendwem dazugesetzt und geredet hat.» Sie habe dabei viel über die Vergangenheit gelernt, von der ältere Leute ja so liebend gern erzählen.

Lassen wir noch Bedre zu Wort kommen, die stark vom Philosophie-Unterricht beeinflusst scheint:

Lieber Herr Gärtner,

ich denke schon, dass wir alle in unserer eigenen Fantasiewelt leben, jedoch diese von unserer
Gesellschaft beeinflusst wird.
Die Demenzkranken vergessen viel und sind sich vieler Sachen einfach nicht mehr bewusst. Auch heute habe ich das Verhalten der Pflegerinnen beobachten können. Diese versuchen natürlich immer, die
Fantasiewelt der Kranken nicht zu unterbrechen. Sie machen meist mit und versuchen, ihnen alles
schön zu reden. Heute hatten wir ein Beispiel mit einer Tochter und einer Mutter. Die Tochter sollte
die Mutter ganz lieb von ihrem Mann grüßen, jedoch hat die Mutter ihren Lebensgefährten ganz vergessen. Darauf antwortet die Tochter (welche auch gleichzeitig die Pflegerin ist): ,,Ja Mutter, du hast mir doch immer einen ganz lieben netten Mann gewünscht, den hab ich jetzt auch." Die Mutter antwortet daraufhin: ,,Das ist ja schön, dann sind wir ja alle glücklich." Die Gedanken der Demenzkranken müssen immer wieder aufgefrischt werden, und viel Geduld müssen die Pfleger haben. Es ist trotzdem sehr interessant zu sehen, an was sich die Demenzkranken doch noch genau erinnern. Ich behalte das mal weiterhin im Auge.
Gruß
Bedre Günes

Manchmal geht es tragikomisch zu, wie in einem Film à la Honig im Kopf. So berichten Luna und Torben von einem sehr alten Pärchen. Sie sind einander zugetan: die Turteltäubchen der Station. Sie mag ihn wirklich sehr, hat ihn aber am nächsten Morgen vergessen. Und so stellt er sich unermüdlich immer wieder aufs Neue vor, präsentiert sich von seiner Schokoladenseite. Und immer wieder verliebt sie sich in ihn.

Und noch einmal Bedre, die scharfe Beobachterin:

Es ist echt spannend und interessant, wie unterschiedlich aktiv einige Menschen sind. Die einen lassen sich keine Aktivitäten (z.B. die morgendliche Gymnastik-Runde) entgehen, andere dagegen halten sich ganz stark davon fern. Natürlich habe ich auch was von der Psyche einiger Menschen  mitbekommen können. Eine alte Dame stellt den Betreuern und uns ständig die Frage: ,,Spinne ich jetzt oder ist das eben jetzt wirklich passiert?" Und als sie dann mal alleine den Fahrstuhl benutzte, kam sie ganz aufgewühlt heraus und fing an zu weinen. Ständig wiederholt sie die Frage ,,Spinne ich?". Sie meinte, dass während sie im Fahrstuhl fuhr,  die Lichter ständig an und aus gingen und sich der Fahrstuhl ständig bewegt hat und dass sie dann plötzlich in ihrem Zimmer war, aber das Licht komplett aus. Keine leichte Aufgabe für die Pfleger, ihr diese Ängste zu nehmen. Das schafft keiner. Aber Eindämmen durch Ablenkung: das funktioniert. Nun frage ich mich,  was wohl der Auslöser für solche Gedanken ist: Vielleicht ein weit zurückliegendes traumatisches Erlebnis, an das die Dame sich nicht einmal mehr direkt erinnern kann? Es gibt aber auch viele Gäste, die sich das Leben im Altenheim kurzweilig gestalten. Ein Mann hat mir z.B. heute seine Kunst-Sammlung vorgestellt und mir jeweils seine Geschichten dazu erzählt. Ich habe viel mitnehmen können, da er einfach so inspirierend war.

Was hat mich am meisten beeindruckt? Nicht so sehr die Schilderungen der Schüler; die sind sich doch über die Jahre recht ähnlich. Aber die Ausstellung im Neubau-Foyer, die hat es mir angetan. An den Stellwänden sind wirklich viele Aspekte des Sozialpraktikums zusammengetragen; vermutlich sogar fast alle, die es überhaupt gibt. Sie hier zu präsentieren, das würde den Rahmen einer Website sprengen, die von Natur aus kompakt sein muss. Aber da sind ja noch die Fotos.