Grabbe-Gymnasium Detmold

Gesamtübersicht Index A - Z
Sie sind hier: > Projekte > Austausch_Israel > Zeugen der Zeit

Zeugen der Zeit



Zeuge der Zeit

ein Gespräch mit Leon Schwarzbaum

Von Leonie Figge & Stina Ulbrich

Am 17.06.2016 endete der Auschwitzprozess am Detmolder Landgericht gegen den ehemaligen SS-Wachmann Reinhold Hanning mit dem Urteil: Der Angeklagte bekommt -wenn das Urteil rechtskräftig wird - eine fünfjährige Freiheitsstrafe.

Zu diesem Urteil waren auch mehrere der Nebenkläger, die als Zeitzeugen im Prozess ausgesagt hatten, anwesend, unter anderem Erna de Vries, Bill Glied, Hedy Bohm und Leon Schwarzbaum.

Schwarzbaum sieht es als (s)eine wichtige Aufgabe an, Jugendlichen seine Geschichte, die Geschichte Auschwitz' und die Ereignisse des Nationalsozialismus zu erzählen; deshalb geht er seit Jahren in Schulen und redet dort vor Schulklassen. Er möchte die Wahrheit erzählen über das, was wirklich passiert ist.

Auch wir hatten an diesem Freitag die Chance und das Glück, nach der Urteilsverkündung mit ihm sprechen zu können, nachdem wir ihn eine Woche zuvor in die Schule eingeladen hatten. Schwarzbaum erzählte seine Geschichte, seine Geschichte in Auschwitz sowie die Geschichte seiner Familie und beantwortete danach zahlreiche Fragen der rund 100 anwesenden Schülerinnen und Schüler rund um seine Zeit in Auschwitz, die Grausamkeiten der Nationalsozialisten, die Nachkriegszeit, den Auschwitzprozess und sein Leben in der Gegenwart – immer in Anwesenheit zweier Fernsehteams. Es sei ihm wichtig, jungen Menschen seine Erfahrungen mit Nazis mitzuteilen, um nicht zu vergessen und damit so etwas nie wieder passiert, sagt er, während er auf heutige Probleme mit Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Terrororganisationen hinweist. „Es gibt keinen Schlussstrich. Was die SS verbrochen hat, wird man noch in 100 Jahren hören.“ Und man solle nicht dieselben Fehler noch einmal begehen. Deshalb beantwortet er auch jede Frage, die ihm gestellt wird, ausführlich – er sage nichts als die Wahrheit. Klar schildert Schwarzbaum die grausamen Fakten, erzählt auf beeindruckende und zugleich bedrückende Weise von der Hoffnungslosigkeit und dem Willen, zu überleben, trotz Entrechtung, Misshandlung und allseits präsentem Tod. Es ist nichts als die Wahrheit, was er erzählen möchte, er betont, dass er nichts zu dem, was er sagt, hinzugefügt hat.

Genau diese Ehrlichkeit hätte er sich auch von Hanning im Prozess gewünscht, wie sich später herausstellt. Es ginge ihm nicht darum, dass die SS-Männer ins Gefängnis gehen, sondern dass sie die Wahrheit sagen. Vergeben und vergessen könne es nicht geben, es ginge ihm hier um die Toten, die nicht mehr sprechen könnten. Hanning habe (s)eine Chance vertan. Er wusste doch von all den Taten, der SS, den Ermordungen, von denen Schwarzbaum selber Zeuge ist, von denen er Minuten zuvor uns Schülern erzählt hat.

Für Leon Schwarzbaum ist es von großer Wichtigkeit, dass diese Ereignisse festgehalten werden – und nun sind wir Schüler Zeitzeugen von einem Gespräch mit einem Zeitzeugen der Zeit geworden, einem, der auf beeindruckende Art und Weise von der Vergangenheit berichten kann. Schön, dass so viele Schülerinnen und Schüler die Chance genutzt haben.

Einen besonderen Dank auch an die Technik, an die stellvertretende Schulleitung für die spontane Drehgenehmigung, die Fachschaft Geschichte und besonders an Frau Panchyrz, die uns so tatkräftig unterstützt hat. Der größte Dank gilt natürlich Leon Schwarzbaum und Hans-Erich Viet für das Möglichmachen dieser Veranstaltung.

Wer das Gespräch verpasst hat oder interessiert ist: Im nächsten Frühjahr erscheint ein Film über Leon Schwarzbaums Leben, seine Vergangenheit, seine Zeit in Auschwitz und seine Gegenwart.

Und wer will, schaut mal in die Mediathek der Tagesthemen (Freitag, 22 Uhr) rein – es wurde über uns berichtet!

 


Auschwitz-Prozess

Von der Israel AG

Am zweiten Verhandlungstag des Detmolder Auschwitz-Prozesses gegen den SS-Wachmann Reinhold Hanning trat auch die 92-jährige Holocaust-Überlebende Erna de Vries in den Zeugenstand.
Sie ist dem Grabbe-Gymnasium seit 2009 verbunden. Im Rahmen des deutsch-israelischen Austausches erzählt sie den Schülern regelmäßig von ihren Erfahrungen im Vernichtungslager Auschwitz und im Frauenlager Ravensbrück.
Während sie 2009 und 2011 noch ans Grabbe-Gymnasium kam, um ihre Geschichte zu erzählen, machen sich die Schüler seit 2013 auf den Weg nach Osnabrück, um sie dort zu treffen und ihre unglaubliche Geschichte zu hören.
Bei der zentralen Gedenkveranstaltung am 27. Januar 2012 waren ihre Lebensgeschichte und die Auswirkungen des Holocaust auf die zweite und dritte Generation Thema der szenischen Lesung „Was bleibt“.
Drei Lehrer und eine Schülerin des Grabbe-Gymnasiums hatten letzte Woche das Glück, den Prozess und die Zeugenaussagen von drei Holocaust-Überlebenden als Zuschauer hautnah zu erleben.
 


Hautnah auf engstem Raum

Israel-Besuch führt Grabbianer und ihre Gäste ganz nah zusammen

Von Leonie Figge . . .

Vom Freitag, 25.09., bis zum Sonntag, 04.10., hatte jeder von unseren 24 Schülern und Schülerinnen und zwei Lehrern der Israel AG des Grabbe in Detmold einen Israeli oder eine Israelin zuhause – bzw. wohnte in den letzten drei Tagen mit mehreren zusammen auf einem Zimmer in Berlin.

Nach 10 Tagen auf Hebräisch, Deutsch und Englisch mit glücklichen wie traurigen Momenten  weiß man gar nicht, worüber man zuerst etwas erzählen soll. Wir haben soviel zusammen erlebt, soviel zusammen gelacht, zusammen geweint, zusammen gesungen (5 Stunden lang im Bus), haben unzählige Fotos gemacht – es gibt so viel, dass man erzählen könnte. Wir sind in Deutschland umhergereist, waren in Osnabrück, in Detmold und in Berlin.

Angefangen hat alles am sonnigen Freitagnachmittag. Nachdem jeder seinen Israeli/seine Israelin gefunden hatte, gingen wir zu einer kurzen offiziellen Begrüßung über – und gleichzeitig zum Namenlernen. Zum Glück kannte man ja die Hälfte der Namen schon, aber wie jede Gruppe feststellte, sind die jeweils anderen ziemlich ungewohnt. Wer heißt schon in Deutschland Eyal, wer in Israel Marieke?
Dann ging es aber erstmal nach Hause, Koffer auspacken, erste Touren durch die Landschaft, genauso wie am darauffolgenden Tag, dem Familientag. Shoppen, Stadt, Klettern, Wandern, Sehenswürdigkeiten - wobei da schon die Fahrt zum Hermannsdenkmal eine Sehenswürdigkeit an sich war. Denn das, was für uns normal und alltäglich ist, ist für die Israelis, die teilweise noch nie in Deutschland gewesen sind, eine große Veränderung und unbekannt. Israel ist von der Landschaft und vom Klima her ganz anders als Deutschland, und wenn man dann vom Hermannsdenkmal herunter den Teutoburger Wald bestaunt, bemerkt man auch, was da so schön für die Israelis ist:
“It´s so green here!“. Genauso gibt es in Israel die alten Häuser des Freilichtmuseums nicht, und die Städte sehen auch anders aus.
Nach Abendgestaltung in kalter Nacht ging es am nächsten Tag nach Osnabrück, wo wir die Zeitzeugin und Holocaust-Überlebende Erna de Vries trafen. Wir durften mit ihr sprechen und ihr Fragen stellen, zu ihrem Leben, zu ihrer Zeit in Ausschwitz und Ravensbrück und zur Nachkriegszeit. Geschichte anschaulich zu erleben – für uns etwas Besonderes. Nach dem anschließenden Synagogenbesuch mit Betgesängen erzählten uns die Israelis allerdings, dass ein Gespräch wie dieses für sie etwas eher Normales ist. Da sie in Israel auch in Gestalt ihrer eigenen Verwandten jeden Tag mit Zeitzeugen umgehen, ist es für sie nicht mehr so ungewöhnlich wie es für uns ist, mit jemanden, der tatsächlich dabei war, über die Shoa zu reden. Während der Pause in der Stadt vergleichen wir dann die Synagoge und eine katholische Kirche miteinander und stellen fest, dass sich einige Elemente doch sehr gleichen.
Dann ging es ins Felix-Nussbaum-Museum, was insbesondere für die Kunstinteressierten unter uns sehr interessant war, wobei die Aussagekraft der Werke und die guten Informationen hier stark vom jeweiligen Guide abhingen. Noch im Hellen ging es dann auf die Fahrt nach Hause.
Montag mussten die deutschen Schüler erstmal einen Tag in den Unterricht, ganz schön ungewohnt, da man die letzten Tage gefühlt in einer anderen Welt verbracht hatte. Währenddessen stellten die Israelis den 8. und 9. Klassen (also die, die als Nächste die Möglichkeit des Austausches haben werden) den Staat Israel vor. Da wurde auch schon mal ein Kreistanz getanzt oder nach Scouts-Manier eine Statue zusammengebaut, und die Verbundenheit der Israelis zu ihrem Staat war deutlich zu merken. Das Vertrauen in ihr Militär und die Sicherheit im Land und auf ihrem Gebiet ist groß. 
Während die Deutschen immer noch im Unterricht brüten, gingen die Israelis zur stellvertretenden Bürgermeisterin und werden dort nochmal offiziell willkommen geheißen. Danach gibt es tatsächlich Freizeit – Zeit zum Läden angucken, shoppen, Eis essen – in der strahlenden Sonne. Der ein oder andere glückliche Deutsche mit Unterrichtsentfall kann sich dazu gesellen, den Rest trifft man in der Mittagspause. Was da manche schon um 13 Uhr essen und trinken... nach der Pause geht es los zum jüdischen Friedhof Detmolds. Einige der Grabsteine sind sehr alt, noch vom ehemaligen jüdischen Friedhof (auf dessen Gelände heutzutage übrigens ein Parkplatz zu finden ist) und auf hebräisch. Aber zum Glück hat man ja Schriftkundige mit dabei, die übersetzen können, was man selber leider nicht lesen kann. Schließlich gehen wir wieder in die Stadt, wo wir einen Stadtrundgang an einzelnen Stationen für die Israelis vorbereitet haben. Abends gibt’s dann Pizza, und außerdem wird Geburtstag gefeiert – Leor ist heute 17 geworden.
Genauso früh wie die letzten Tage stehen wir auch Dienstag auf, heute steht die Wewelsburg auf dem Programm. Nach einigen Schwierigkeiten mit der Navigation kommen wir an und teilen uns in zwei Gruppen auf, denn wir haben zwei Workshops zu bewältigen: einer mit körperlicher und einer mit gedanklicher Schwerstarbeit. Wir gehen in den Wald zu einem ehemaligen Schießstand der SS und graben. Zwei Stunden lang schleppen wir Eimer, hacken Erde auf, schieben Geröll und Steine hin und her und suchen, suchen, suchen, und finden dabei den ein oder anderen Regenwurm, aber auch ältere Metallbolzen, Ringe, Lederriemen und -gürtel und Türgriffe. Erschöpft ziehen wir zurück zur Burg, und beginnen mit unserem Guide die Führung durch das ehemalige Konzentrationslager, das Mahnmal, die Ausstellung und gelangen schließlich auch zu den zwei Räumen, die noch heute bei rechten Gruppierungen sehr beliebt sind. Während wir die gespenstische Akkustik in der „Gruft“ ausprobieren, bemerken wir die gleiche „heilige“ Atmosphäre wie im ehemaligen „Obergruppenführersaal“(wo diese Atmosphäre übrigens gerade verhindert werden soll) - dieser Ort der Täter ist real, und dass hier wirklich SS-Männer waren, sieht man nicht nur an den Hakenkreuzen an der Decke. Das ist nicht einfach eine Geschichte, hier ist die Geschichte greifbar. Später sprechen wir an der Burg gemeinsam über unsere Familiengeschichten, Israelis wie Deutsche. Jeder hat irgendetwas zu erzählen. Manches ist leicht, manches ist unangenehm, manchmal bemerken wir Lücken – die wir manchmal auch nicht zu füllen wissen. Manche wissen viel über ihre Familien, manche Geschichten sind kompliziert verstrickt – und andere können nur wenig erzählen, haben einzelne Fakten. Wir reden an einem Ort der Täter, darüber, wie Urgroßeltern in der Wehrmacht oder der SS waren, wie Eltern und Geschwister im Krieg starben oder verhungerten, wie Schwangere an der Grenze eines Landes abgewiesen wurden, und wie Verwandte nach Ausschwitz deportiert wurden und nie wieder zurückkehrten. Es ist etwas anderes, als die Fakten zu lesen. Das sind unsere Geschichten, und sie zeigen die Perspektivlosigkeit des Krieges und den Überlebenskampf der Familien. Manche Geschichten sind auch weniger schrecklich, manche Familien hatten Glück im Unglück zu jeder Zeit.
Mit diesen Geschichten steigen wir auch am nächsten Morgen ein. Am Mittwoch und am Donnerstag verbringen wir den Tag wieder in der Schule, diesmal aber nicht im Unterricht. Während die 11er noch ihre LK-Klausur schreiben, beginnen die anderen schon mit dem Theater, denn das ist unser Projekt, dass wir Donnerstag in einer Präsentation vorstellen. „Survival – enough to live on?“ ist das Thema, und die Ideen nehmen wir aus unseren eigenen Familiengeschichten. Nach teilweise wirren und lauten Proben mit unerschöpflich vielen Ideen und Verbesserungen haben wir -nach abendlicher Entspannung beim gemeinsamen Bowlen- Donnerstagabend um 17:00 Uhr ein Programm. Wir stellen typisch deutsche und typisch israelische Familien vor, singen Shabbat Shalom und spielen den Osterhasen nach. Einzelne erzählen, wie es war, die Geschichte ihrer Familie in Erfahrung zu bringen, denn das das leicht und schwer sein kann, haben wir auf beiden Seiten gemerkt. Wir zeigen die Szenen von unseren Großeltern, die Flucht aus Ägypten, das russische Arbeitercamp oder der Krieg in Deutschland und den Verlust des eigenen Bruders mitansehen zu müssen. Wir zeigen das, was Realität war und jetzt Geschichte ist, wir erzählen unsere Geschichten. Jeder hat so viel zu erzählen, dass immer irgendwo Fragen offen bleiben werden, aber das ist gerade das Wichtige: ins Gespräch zu kommen, sich auszutauschen, auch wenn das Gesprächsthema nicht leicht ist.
Am nächsten Morgen steigen wir dann alle müde in den Bus. Die Freude überwiegt aber die Müdigkeit und so singen, reden, lachen wir bei israelischer und deutscher Musik die ganze Fahrt über. Wir haben schließlich auch allen Grund zur Freude, denn für die nächsten drei Tage fahren wir nach Berlin!
Der erste Zwischenstopp ist das Haus der Wannsee-Konferenz. Hier nehmen wir an einer Führung durch die Räume und das Sitzungsprotokoll teil und schließen mit einer Diskussion.
Wir fahren weiter zum Mahnmal Gleis 17, dem Ort, von dem über 50.000 Juden nach Łódź, Riga, Warschau, Theresienstadt und Ausschwitz deportiert wurden. Dort halten die Israelis eine Zeremonie ab. Sie lesen ein Gedicht eines Mädchens vor, das überlebte und flüchtete. Sie formen einen Stern aus Kerzen, und gedenken allen Toten, allen Verstorbenen, ihren eigenen Verwandten, und auch denen, die sie nicht kannten. Sie beten für den Staat Israel und weinen um diejenigen, die in Zügen in den Tod fuhren, sie weinen, und wir weinen mit ihnen; weil so etwas passiert ist, das, was wir nicht glauben können und es doch tun, da wir diejenigen getroffen haben, deren Familien überlebt haben; weil diejenigen, die wir in den letzten Tagen immer als fröhlich und offen erlebt haben, die unsere Freunde geworden sind, jetzt weinen; weil es hier passiert ist, in dem Land, in dem wir glücklich aufgewachsen sind. Wir gedenken dem was passiert ist, jeder auf seine eigene Art und Weise, aber zusammen.
Schon in der Dämmerung kommen wir endlich im Hotel an und die Zimmer werden bezogen. Mit einem Stadtplan und einigen Regeln ausgestattet können wir endlich durch Berlin streifen, Essen wird gesucht und gefunden. Wir treffen uns um 11 an einem Park und treten den etwas komplizierten Rückweg an. Sind noch alle da? Einmal durchzählen zeigt, dass zum Glück keiner verlorengegangen ist.
Am nächsten Morgen -alle sind sichtlich ermüdet- statten wir dem Holocaust-Mahnmal und der darunter liegenden Ausstellung einen Besuch ab. Nachdem alle aus dem Labyrinth der Betonsteine wieder herausgefunden haben, bahnen wir uns unseren Weg durch die Wiedervereinigungsfeierlichkeiten zum Brandenburger Tor. Wir laufen Unter den Linden entlang zum Opernplatz und dem Ort der Bücherverbrennung durch die Nazis. Wir schauen uns die Synagoge von außen an und verbringen dann unsere Pause in der Stadt. Danach fahren wir ins jüdische Museum Berlins, die Israelis gehen in die Dauerausstellung und die Deutschen in die Gehorsam“-Ausstellung zur Bibelgeschichte der Opferung des eigenen Sohnes von Abraham.
Auch heute hat wieder eine  Israelin -Romi- Geburtstag, abends essen wir wieder alle in der Stadt und feiern in der Hotelbar Geburtstag. Das das schon unser letzter Abend zusammen sein soll, kann und will keiner glauben – bis jetzt hat niemand auch nur gewagt, von Abschied zu sprechen.
Dementsprechend ist die allgemeine Stimmung am nächsten Morgen und auf unserer letzten Tour durch den Mauerpark Bernauer Straße und am Flughafen, wir haben viel zu wenig Zeit für den Abschied für fünf Monate. Während unser Abschlussgespräche ändert sich die Stimmung jedoch, denn wir stellen fest, wie schön doch alles war. Wir sind uns alle einig, dass wir zwar zu wenig freie Zeit zur Verfügung hatten, und wir sehr viel gemacht haben, merken aber auch, wie viel wir eigentlich zusammen erlebt haben. Wir erinnern uns an die unglaublichen, witzigen, schönen, traurigen Momente. Wir merken, wie sehr wir zusammengewachsen sind, und stellen fest, dass die Entscheidung, den Austausch mitzumachen, wohl eine der besten unseres Lebens war. Viel zu früh müssen wir uns dann von Berlin und von uns allen verabschieden. Wir überlegen uns nochmal, was wir an den jeweils anderen und unseren Austauschpartnern so gut fanden, dass wir gerne selber so wären.

Wie uns allen aufgefallen ist, gibt es natürlich Unterschiede zwischen den beiden Kulturen – insbesondere das unterschiedliche Verständnis von Zeit war da deutlich zu merken. Während wir Deutschen so loslaufen, dass wir eine Viertelstunde zu früh da sind, bedeutet für die Israelis der Satz „Wir treffen uns um 11 in der Hotellobby!“ um 11 loszugehen.
Während die Deutschen eher leise sind, sind die Israelis lauter und offener als wir, singen kann man übrigens überall. Die Israelis sind (traurigerweise) viel geübter darin, nach Situationen der Trauer „umzuswitchen“. Sind sie einfach besser darin, eine klare Linie zu ziehen, oder brauchen sie die Trennlinie einfach, um nicht jede Lebensminute gedanklich beeinflusst zu sein? Die Deutschen sind  etwas organisierter, besser zu früh als zu spät und denken immer alles durch, bevor etwas getan wird.
Doch gerade diese Unterschiede sind es, die auch den Austausch ausgemacht haben – wir haben so viele andere Gewohnheiten kennengelernt, Unterschiede festgestellt und lautstark Vergleiche gezogen – aber viel wichtiger, auch die ganzen Gemeinsamkeiten gesehen, die wir haben. Wir haben gemerkt, wie gut wir uns verstehen, obwohl wir doch eigentlich so unterschiedlich sind. Wir haben gemeinsame Interessen, wir sind offen, wir wollen Spaß haben, und wir alle haben Geschichten zu erzählen, Geschichten, die andere hören sollten. Und jeder von uns findet etwas im Anderen, dass er mag.

Und nach einer halben Woche waren es auch deutsche Schüler, die jetzt laut im Bus mitsangen.
Mal abgesehen davon kennt jetzt jeder von uns mindestens Grundbegriffe auf hebräisch und deutsch und man kann mit Hilfe sogar ein hebräisches oder deutsches Lied mitsingen.
Dass dabei auch sprachliche Schwierigkeiten überwunden werden mussten, war natürlich. Das gegenseitige Beschreiben und Umschreiben eines Gegenstanden, von dem alle das Wort nur in ihrer jeweiligen Muttersprache wissen, war immer sehr witzig - und selbst wenn uns mal die englischen Worte ganz fehlten – wir haben uns auch so verstanden. Oder man mixt einfach beide Sprachen - „Just call it SCHNITZEL!“. Solche Situationen vermisst man sonst.

Ob wir immer alles verstanden haben oder nicht, ob wir immer pünktlich waren oder nicht, obwohl wir aufgrund des fehlenden Schlafes müde waren – wir hatten eine Menge Spaß. Das Miteinander ist in der Woche großgeschrieben worden. Wir haben uns als zwei Gruppen kennengelernt und haben soviel zusammen erlebt, Schönes wie Trauriges, lauter kleine Momente, die sich zu einem wunderbaren Ganzen zusammenfügen.

Das Ganze ist einfach eine Bereicherung für unser Leben. Wir sind alle nicht mehr die Gleichen wie vor zehn Tagen. Wir sind nicht mehr einfach zwei Klassen, zwei Länder. Wir sind jetzt nicht mehr 24 deutsche und 24 israelische Schüler – wir sind eine Gruppe. Fürs Leben. Freunde.
Und in fünf Monaten sehen wir uns wieder, denn dann kommt der zweite Teil, auf den wir uns trotz Abschiedsschmerz schon alle freuen: zehn Tage in Israel.

Toda, danke, thank you – for the best 10 days I´ve ever had!

 

. . . und Nils Berlin

Freunde. Ich denke diese Bezeichnung bringt es genau auf den Punkt.
Wo wir am Freitag noch zwei, fast vollkommen verschiedene Gruppen waren, so wurden wir über die Zeit zu einer großen - mit Eigenschaften beider.
Dieses geschah zum einen natürlich über die lustigen Abende, die miteinander verbracht wurden, die schönen Erlebnisse, aber auch, ich würde sogar sagen vor allem,  durch die schweren und traurigen Momente, die wir miteinander erleben durften – wofür ich auch sehr dankbar bin, dass sie uns teilhaben lassen an diesen, sei es, dass man über die Geschichte gesprochen hat – und über die heutige Situation – oder einfach nur, dass man dort stand und zusammen geweint hat, zusammen fassungslos am Gleis 17 stand.
Viel lief dort allerdings auch über die persönliche Ebene, man sprach sehr viel über alles Mögliche, seien es die wirklich sehr verschiedenen Kulturen, am Samstag Abend habe ich die Israelis ordentlich geschockt, indem ich nur sagte, es wäre schon in Ordnung, mal 5 Minuten später zu kommen. Wozu Maya dann nur völlig verblüfft sagte, dass hätte sie niemals von einem Deutschen erwartet, dass es in Ordnung sei, zu spät zu kommen.
Wir übernahmen es, unsere Lehrer beim Vornamen anzusprechen, was allgemeine Heiterkeit auslöste, allerdings nur auf Schülerseite. Und es wurde auch schön in den Sprachen gemixt, sei es das allseits beliebte Schnitzel oder auch etwas ... Vulgäres.
Jetzt hab ich schon etwas Text geschrieben, jedoch fühlt es sich irgendwie an, als hätte ich noch nichts wirklich geschrieben.
„And if I needed to write this I would start it like it was the perfect week in my whole life and it is hard to explain to you, but I will try“ - ich habe zwar so nicht gestartet, würde aber gerne so enden.
Es ist schwer zu erklären, wie genau es mich verändert hat, ich kann nur sagen, es war eine, sicherlich einmalige und sehr bewegende Erfahrung, die wir machen durften.
Über die schönen, aber auch über die traurigen Momente.
Um den Kreis zu schließen, wobei mein Text wohl eher einem Chaotischen etwas ähnelt, würde ich abschließend sagen, es kamen Fremde, die wir auch nicht immer verstanden, und es gingen Freunde, die wir verstehen und vermissen. Diese 10 Tage die wir zusammen hatten, es war eine sehr intensive, aber schöne Zeit, die uns auch 24 neue Freunde beschert hat, die wir verstehen und kennen. Freunde eben.