Presse-Echo


Berührungspunkte auf dem jüdischen Friedhof: Ein Mädchen aus der Schülergruppe, die derzeit in Detmold zu Gast ist, legt einen Kieselstein auf den Rand eines Grabmals - ein jüdisches Ritual. Foto: Preuss

,,Wow" an einem versteckten Ort

Zwischen Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit: Grabbe-Gymnasium organisiert ersten Austausch mit israelischer Schule

Von Stefan Derschum

Detmold. Im Licht eines gläsernen Oktobermorgens wirkt der jüdische Friedhof an der Spitzenkamptwete noch ein wenig mehr der Wirklichkeit entrückt als an einem gräulichen Herbsttag. Während sich Fassaden umliegender Wohnhäuser der Sonne strahlend entgegenstemmen, zerhacken Efeu, Farn, Bäume und Sträucher das Licht in gleißende Strahlen, die den Schatten vieler Grabstätten nicht erreichen. 23 Schüler bewegen sich durch dieses Kaleidoskop der Helligkeit.
23 Jugendliche aus Maccabim-Re'ut. Israelische Schüler. Ihre Heimat ist eine Stadt, die zwischen Tel Aviv und Jerusalem liegt, ihr Zuhause für zehn Tage Detmolder Gastfamilien, deren Kinder das Grabbe-Gymnasium besuchen. Der Besuch ist der Beginn des ersten Schüleraustausches zwischen einer Detmolder und einer israelischen Schule. "Im Frühjahr wird es den Gegenbesuch unserer Schüler geben", berichtet Eva Lettermann, Lehrerin am Grabbe-Gymnasium, mit gedämpfter Stimme am Rande der Gruppe, die sich behutsam über die engen Wege des jüdischen Friedhofes tastet.
23 Mädchen und Jungen eines zwölften Highschool-Jahrgangs auf Klassenfahrt, die aussehen wie 23 Mädchen und Jungen eines zwölften Highschool-Jahrgangs auf Klassenfahrt: verwaschene, teilweise zerrissene Jeans, bemalte Chucks an den Füßen, die über feuchtes Moos federn, bunte Oberteile, Patchwork. Zwei Jungen haben die Kapuze ihres Schlumpfes über den Kopf gezogen. Das jedoch ist kein jugendliches Hiphop-Zitat, sondern dem Ort geschuldet. Wie der bunte Fußballschal, mit dem ein 18-Jähriger etwas merkwürdig sein Gesicht eingerahmt hat.
Andere Schüler interpretieren den religiösen Brauch jüdischer Männer, an einem solchen Ort in Respekt vor Gott das Haupt zu bedecken, konventioneller - sie tragen eine Kippa.
Das ist augenscheinlich das Bemerkenswerte dieser Schülergruppe. Sie knipst zwischen unbekümmerter Leichtigkeit und konzentrierter Ernsthaftigkeit nahezu schalterartig um, so dass Monika Rey erstaunt bemerkt: "Sie waren sofort und ohne eine einzige Aufforderung leise, als wir den Friedhof betraten. Sie haben offenbar ein besonderes Verhältnis zu einem derartigen Platz." Die Lehrerin des Grabbe-Gymnasium führt die Jugendlichen über den Friedhof, von der sonnenbeschienenen Seite junger Gräber zu den grünumrankten Stätten ewiger Ruhe, die im Schatten liegen. Monika Rey berichtet, dass dies der einzige jüdische Ort Detmolds "in Funktion" sei: "Hier wird noch bestattet."
Die Zwölftklässler hängen an ihren Englisch sprechenden Lippen, als sie die Entwicklung jüdischer und christlicher Symbolik auf den Grabsteinen erläutert und eröffnet, dass Grabbe-Schüler den Friedhof regelmäßig pflegen: "Nächste Woche ist es wieder so weit." Natürlich werden Fragen gestellt. "Sind die Gräber hier alle nicht mit einer Steinplatte bedeckt?", möchte ein 17-jähriges Mädchen wissen und weist mit einer ausholenden Bewegung in Richtung einer Grabreihe. "Nein, in Israel denn?" "Ja", antwortet das Mädchen, aber der Wissensdurst ist längst nicht gestillt: "Wieso ist der Friedhof im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört worden?" "Ein versteckter Ort, vielleicht ist er vergessen worden." "Wow."

,,Vorher noch
Schlittschuh fahren"
Eva Lettermann

Donnerstag wird die Gruppe zusammen mit den beiden Lehrerinnen Nina Hanina und Etti Thaller nach zehn Tagen Schüleraustausch wieder nach Maccabim-Re'ut zurückkehren - in der Erfahrung ein dichtes Programm voller Gegensätze: Hermannsdenkmal obligatorisch, Mahnmal Deportationsbahnhof Berlin-Grunewald, Shopping in Bielefeld, morgens Haus Münsterberg, abends Bowlen, Projektarbeit, Podiumsdiskussion, Gespräche, Empfänge.
Rückflug ab Frankfurt/Main. "Vorher wollen sie aber unbedingt noch Schlittschuh fahren", flüstert Eva Lettermann, die mit ihren Kolleginnen Sabine Hilbert-Opitz, Anja Vothknecht und Rubina Matschke den Austausch initiiert und organisiert hat. Dabei lächelt die Lehrerin verständnisvoll und blickt zu dem Mädchen, das viel fragte, und gerade einen Kieselstein vorsichtig auf dem Rand eines Grabmals niederlegt.
LZ vom 9. Oktober 2007