Grabbe-Gymnasium Detmold

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2014

Shalom aleichem

Bericht von David Locher & Fabian Wahren


Detmold/Maccabim-Re'ut. Nach fünf Monaten voller Vorfreude auf das Wiedersehen unserer neuen israelischen Freunde hatte das Warten nun endlich ein Ende. Der Austausch mit der Maccabim-Re'ut Highschool ging in die zweite Runde, als wir mit unserer Gruppe von 25 Schülerinnen und Schülern sowie Frau Lettermann und Herrn Dr. Arnhold Ende Februar in Tel Aviv, Israel landeten.

Herzlich war die Begrüßung und wir fielen unseren wohlbekannten Gefährten in die Arme. Die Freude war riesig, als wir das große Willkommensbanner am Flughafen in Tel Aviv erblickten. Darauf folgte das Kennenlernen unserer Gastfamilien. Die anfänglichen Unsicherheiten wurden von unseren wohlgesonnenen Gastgebern vollends zerstreut und wir fühlten uns sofort wohl. Der am Abend organisierte Empfang in den Räumlichkeiten der Schule sorgte nicht nur für eine große Vorfreude auf das geplante Programm in Israel, sondern auch auf die Zeit, die wir mit unseren israelischen Freunden verbringen würden.

Den ersten Tag verbrachten wir direkt in Israels Hauptstadt Jerusalem, die nur eine halbe Stunde mit dem Reisebus von unserer Partnerschule entfernt liegt. Alle Schülerinnen und Schüler waren davon fasziniert, wie wichtig diese Stadt als religiöses Zentrum für Judentum, Christentum und Islam ist. Dennoch wurde einem immer wieder bewusst, was für Konflikte die Geschichte der heiligen Stadt prägen. Dabei war es interessant, das Gespräch mit den Israelis zu suchen, um persönliche Meinungen zu diesem Thema in Erfahrung zu bringen.

Mit dem nachfolgenden Besichtigen der modernen, von Hochhäusern geprägten Großstadt Tel Aviv und der arabisch-orientalisch anmutenden Kreuzfahrerstadt Akko wurde uns die Vielfältigkeit der ansässigen Kulturen Israels vor Augen geführt. Die überfüllten Gassen der Märkte und Basare bildeten für uns einen großen Kontrast zu dem bekannten Bild des Detmolder Wochenmarktes. Neben touristischen Souvenirs konnte man hier alles erwerben, was man zum Leben braucht. Auch das Wetter, das es uns ermöglichte im Februar sommerliche Kleidung zu tragen, hatte seinen positiven Einfluss.

Zusätzlich zu dem kulturellen Reichtum beeindruckte uns während des Aufenthalts in der Wüste Negev unter anderem auch die landschaftliche Vielfältigkeit. Der Makhtesh, ein durch Erosion entstandener Krater, der wie eine karge Mondlandschaft wirkte, war ein krasser Gegensatz zu den Oasen in der Wüste, die von verschiedensten Arten von Vegetation begleitet wurden. Unser Guide Stav, der uns auf fast allen Touren begleitete, konnte uns sein großes Wissen auf clevere und spannende Weise vermitteln. Somit wurde auch Masada, der Inbegriff für das Selbstverständnis der Israelis, ein Ort mit historischem Tiefgang. Weiterhin verbrachten wir ein paar Stunden am Toten Meer, was für alle ein großartiges Erlebnis war.

Bedeutend für die israelisch-deutschen Beziehungen ist die Shoah, die schon beim Besuch der Israelis in Deutschland eine zentrale Rolle gespielt hat. Mit dem Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem sollte dieses wichtige Thema auch in Israel nicht unbehandelt bleiben. Es war ein sehr bewegender Moment, den Namen unserer Kommune als Ort einer ehemals jüdischen Gemeinde auf einer der Gedenktafeln im Tal der Gemeinden zu erblicken.

Immer präsent und für uns Deutsche zum Teil sogar erschreckend war der israelisch-palästinensische Konflikt. Indizien hierfür waren zum Beispiel die an vielen Orten patrouillierenden Soldaten. Beunruhigend war für uns außerdem eine wie als Festung angelegte jüdische Siedlung, die wir erblickten, als wir die West Bank durchquerten. Der Nahost-Konflikt wurde durch einen Vortrag Shaul Arielis mit anschließender Diskussion in den Fokus gerückt. Der ehemaligen Brigade-Kommandeur der israelischen Armee bereitete die Verhandlungen mit den Palästinensern für vier israelische Premierminister vor: Rabin, Peres, Netanjahu und Barak. Außerdem engagierte er sich in der israelisch-palästinensischen „Genfer Initiative“, die 2003 ein detailliertes Friedensabkommen formulierte.

Während unseres Programms kam der Kontakt zu den israelischen Jugendlichen natürlich nicht zu kurz. Durch intensive Gespräche auf unseren Touren und bei den gemeinsamen Treffen in der Freizeit vertieften wir die Freundschaften, die wir fünf Monate zuvor in Deutschland aufgebaut hatten.

Insgesamt war der Austausch ein voller Erfolg. Im Rahmen unseres Programms erfuhren wir Dinge, die wir weder auf einer herkömmlichen Reise in ein fremdes Land, noch in der Schule hätten lernen können. Durch unseren Aufenthalt in den Familien und den dadurch bedingten interkulturellen Austausch bekamen wir Einblicke, die uns auf anderem Wege verborgen geblieben wären. Auch unsere Perspektive auf das Land Israel und den Nahost-Konflikt hat sich auf diese Weise verschoben. Jeder von uns kann mit Sicherheit behaupten, dass die gewonnenen Erfahrungen ein Leben lang in Erinnerung bleiben werden.
Natürlich war für alle der Abschied sehr schwer und es wurden viele Tränen vergossen. Dennoch haben die meisten schon Pläne geschmiedet, Kontakt zu halten und sich wiederzusehen. Somit soll es auf keinen Fall das letzte Treffen gewesen sein. In diesem Sinne: Shalom aleichem!


Eine Pflicht als Erbe

Was die simple Frage eines kleinen Mädchens auslösen kann

Ein Essay von Till Uhlich 

Manchmal  werden wir überrascht: von einer unerwarteten Begegnung, einem verblüffenden Ereignis – oder einer einfachen Frage. Doch beginnen wir von vorn:

Vom  26.02. bis 07.03.2014 war eine buntgemischte Gruppe aus Schülern der EF und der Q1 in Israel. Anlass war der seit Jahren bekannte Deutsch-Israelische Schüleraustausch,  der über die „Israel AG“, geleitet von Herrn Dr. Oliver Arnhold und Frau Lettermann, organisiert wurde. Zu dem  Entschluss, an diesem Projekt teilzunehmen, kam ich schon vor über einem Jahr. Ich las den Aushang in der Schule und entschied mich mit drei weiteren Freunden dazu, zur Israel AG zu gehen.  Meine damalige Motivation war klar: „Ich will raus in die Welt! Nun habe ich schon den Gedanken, ein Auslandsjahr zu machen, verworfen, dann will ich wenigstens jetzt die Chance nutzen!“  Ich wollte nicht am Ende meiner Schullaufbahn dastehen wie jeder andere, sondern ich wollte mehr wissen, mehr erfahren und mehr von der Welt gesehen haben.  Neue Kulturen, neue Menschen und  neue Erfahrungen – danach sehnte ich mich. Mein Wissen über Israel war mehr als begrenzt. Viel zu wenig wusste ich damals über das Land, was mir heute so ans Herz gewachsen ist.
Klar, auch der geschichtliche Aspekt interessierte mich, schließlich ist der Holocaust grade einmal ein paar Generationen her, doch für mich war dieser Aspekt nie ausschlaggebend, am Projekt teilzunehmen.

Während der Zeit in der AG lernte ich, wie zu erwarten, natürlich eine Menge über die deutsch-jüdische Geschichte, die Wurzeln Israels, das Judentum und natürlich auch die Grundprobleme des Nah-Ost-Konflikts, welcher für Israel sehr bedeutend ist.
Vor allem war es aber der Holocaust, der in voller Breite behandelt wurde. Für einige von uns war es ernüchternd. Auch ich habe mich mehr als einmal gefragt, warum denn nun schon wieder das Thema durchgesprochen wird, welches  seit der 5. Klasse jedes Jahr mindestens einmal  als Lerninhalt vorgesehen ist.  Die Antwort auf diese Frage, welche mir zugleich auch die Frage nach dem Sinn des Israel-Austauschs beantwortete, fand ich am letzten Tag in Israel.

Die Sachen waren gepackt und wir blickten alle auf zehn spannende Tage zurück. So viel wie ich hier lernte, hätte ich in einem ganzen Jahr Schule nicht lernen können. Unsere letzte Aufgabe war es nun, in Gruppen, bestehend aus vier Schülern, durch die Klassen der Schule zu gehen und Werbung für den nächsten Israel-Austausch zu machen. Nachdem wir zuerst ein kleines Deutschlandquiz mit den Schülern spielten, fragte mich ein Mädchen, warum ich an dem Austausch teilgenommen habe. Meine Antwort war die gleiche, die ich schon ein Duzend Mal an dem Tag gegeben hatte. Die neue Kultur, die Menschen und die politische Situation, all das interessierte mich und war für mich Grund genug, dem Austausch eine Chance zu geben. Doch das reichte dem Mädchen nicht und sie fragte mich, ob ich mich nicht schämen würde für das, was die Deutschen den Juden damals angetan haben. Die Frage war einfach, doch nie hatten wir in der AG so klar und direkt darüber gesprochen. Natürlich haben wir aufgearbeitet, wie schrecklich die „Judenentsorgung“ war, wie menschenunwürdig die Juden von der Regierung Adolf Hitlers behandelt wurden, aber natürlich auch, wie viele Menschen in Deutschland versucht haben, Juden zu verstecken, ihnen zu helfen oder sie vor dem Tod zu retten.
Doch was sollte ich dem Mädchen nun als Antwort geben? Schließlich repräsentierte ich in dieser Situation gleichzeitig die Bundesrepublik Deutschland als auch meine eigene Position zu dem Thema.
Ich dachte nach und kam zu dem Entschluss auf mein Inneres zu hören. „Nein“, sagte ich. Ich persönlich schäme mich nicht, denn ich war zu dieser Zeit noch nicht auf der Welt und konnte so keinen Einfluss auf das nehmen, was damals geschah. Aber ich schäme mich für die Menschen, die dafür verantwortlich sind und für die, die in der Lage waren, es zu verhindern, es aber nicht taten. Natürlich ist es beschämend, feststellen zu müssen, dass alles, was damals geschah, im Namen Deutschlands geschah, doch ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Bevölkerung damals tatsächlich hinter allem stand. Vielmehr glaube ich, dass sich viele haben mitreißen lassen, ohne tatsächlich zu wissen, was sie da taten.  Aus vielen Geschichten lernte ich außerdem, dass ein Großteil der Deutschen helfen wollte, die Konsequenzen aber nicht hätte  tragen können, wenn sie erwischt worden wären.
Ich persönlich finde aber, dass wir Deutschen  durch unsere schreckliche Geschichte eine Aufgabe bekommen haben, die klar und deutlich ist. Wir können nichts rückgängig machen und wir können auch keine Schuld für die Taten unserer Urgroßeltern tragen, aber wir haben die Pflicht geerbt, dafür zu sorgen, dass so etwas Grausames nie wieder vorkommt.  Wir müssen aus den Fehlern der vorigen Generationen lernen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen.
Ich persönlich glaube, dass wir mit der Israel AG einen sehr  wichtigen Teil dazu beigetragen haben, denn hier habe ich gelernt, wie gleich wir Deutsche und die Israelis sind. Ob Jude, Christ oder Atheist,  im Austausch haben wir gemeinsam Geschichte aufgearbeitet und aus ihr gelernt und kamen auf die gleichen Ergebnisse.  Dieses spannende  Erlebnis kann mir keiner nehmen!