2013

„Was heißt eigentlich
Kellerassel auf Hebräisch?“

Von Anja Vothknecht

Diese Frage stellt sich, wenn 24 deutsche und 24 israelische Schülerinnen und Schüler gemeinsam auf dem jüdischen Friedhof in Detmold arbeiten. Einen Nachmittag verbrachte die Austausch-Delegation an diesem Ort und arbeitete ganz tatkräftig an dem Projekt, das den Austausch in diesem Jahr wie ein roter Faden durchzog: „Scaling walls and bridging exclusion“ / „Mauern erklimmen und Ausgrenzung überwinden“.
An diesem ersten Tag in Detmold ging es um ganz handfeste „Mauern“: erste Kontakte mussten geknüpft und Sprachbarrieren überwunden werden, Gäste und Gastgeberinnen und Gastgeber näherten sich an und lernten sich kennen. Wenn man gemeinsam Unkraut zupft, Insekten findet, Sträucher ausgräbt und Bäume fällt, ist das gar nicht so schwer, stellten alle fest. „Exclusion“, Ausgrenzung, gab es in der fröhlichen Gruppe nicht.
Dem schwierigen Teil des Themas stellte sich die Gruppe zum ersten Mal in Wewelsburg, wo die Nazis eine SS-Hochburg für das angestrebte „Dritte Reich“ geplant hatten. An diesem malerischen Ort ist vor rund 70 Jahren großes Unrecht geschehen: Es gab ein Konzentrationslager ganz in der Nähe und eine SS-Schule in der barocken Burganlage, die dafür komplett umgebaut werden sollte. In der Dokumentationsstätte, wo die Schülerinnen und Schüler in einem Workshop den Biografien von Tätern und Opfern nachspürten, lässt sich der unvorstellbare Größenwahn erahnen, der die Täter damals antrieb. Ganz nah und persönlich wurde es, als israelische und deutsche Schülerinnen und Schüler sich in Gruppen ihre Familiengeschichten aus den Jahren 1933 bis 1945 erzählten – Ergebnisse ihrer Recherchen, zu denen sie in der Israel AG motiviert und angeleitet worden waren. Einfühlsam und intensiv schilderten sich die Jugendlichen Ereignisse und Schicksale, die Mauern zwischen ihnen sein könnten.
In Berlin wurde diese Auseinandersetzung mit der deutsch-jüdischen, der gemeinsamen Vergangenheit fortgesetzt: im Mahnmal für die ermordeten Juden Europas und dem Ort der Information, mit Hilfe einer Kunstinstallation rund um den Bayrischen Platz, in der Villa Wannsee, wo 1942 die so genannte „Endlösung der Judenfrage“ ganz nüchtern beschlossen worden war, und am Mahnmal Gleis 17 in Grunewald, von wo aus die jüdischen Deutschen in Güterwaggons in die Vernichtungslager im Osten deportiert worden waren und wo wir Deutsche und Israelis, Schülerinnen, Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, eine hebräisch-englische Zeremonie zum Gedenken an die Opfer abhielten. In der gemeinsamen Fassungslosigkeit angesichts dieser eiskalten, Menschen verachtenden und perfekt organisierten Gewalt fielen die letzten Mauern innerhalb der Gruppe. Die Erinnerung an die Vergangenheit wach halten, damit so etwas in der Zukunft nie wieder geschehen kann – dieses gemeinsame Ziel verbindet und verpflichtet weit über die 10 Tage des Austausches hinaus.
„Scaling walls“ – das hat in Berlin noch eine besondere Bedeutung, und so widmete sich die Gruppe auch der deutsch-deutschen Geschichte am Checkpoint Charlie und im Mauerpark an der Bernauer Straße. Parallelen zwischen dem (historischen) Geschehen an der innerdeutschen Grenze und der (aktuellen) Situation in Israel zu sehen, fiel den Gästen schwer, aber dennoch war dieser neue Schwerpunkt im Programm eine lohnenswerte Ergänzung zu den anderen Themen.
Eine ganz besondere Person, die viele Mauern überwunden hat, traf die Gruppe am Sonntag in Osnabrück: Erna de Vries, Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz, hat von ihrem Schicksal berichtet und sich den Fragen der Jugendlichen gestellt. Trotz aller schlimmen Erinnerungen ist sie nach dem Krieg in Deutschland geblieben und sieht es als ihre Aufgabe an, von dem zu erzählen, was ihr angetan wurde – das hatte sie ihrer Mutter auf der Lagerstraße von Auschwitz-Birkenau versprochen, als sich beide zum letzten Mal sahen. In der Synagoge der jüdischen Gemeinde in Osnabrück, wo dieses Zeitzeugengespräch stattfand, wurde die Gruppe herzlich aufgenommen und sammelte lebendige Eindrücke jüdischen Lebens in Deutschland heute. Zuvor hatten die Schülerinnen und Schüler das Felix-Nussbaum-Haus besucht und sich durch eine eindringliche und intensive Führung in die Werke dieses deutschen, jüdischen Malers hineinversetzt.
So viele Eindrücke, so viele Begegnungen, so viel Neues im Kopf und im Herzen – aber was bleibt? Antworten auf diese Fragen versuchten die Schülerinnen und Schüler in Präsentationen zu geben, die am letzten Tag auch denjenigen „Grabbianern“ der Jahrgänge 10 und 11 gezeigt wurde, die nicht am Austausch teilgenommen hatten. Anschließend hieß es Abschied nehmen – aber (vorerst) nur für fünf Monate, denn Ende Februar wird die deutsche Gruppe nach Maccabim-Re’ut aufbrechen.
Ob die hebräische Vokabel für „Kellerassel“ dann dort eine Rolle spielen wird? Wohl kaum. Aber die Erfahrung, dass Mauern in den Köpfen und Herzen und auch die zwischen Menschen und Völkern erklommen und überwunden werden können – dies wird die beste Basis sein für den zweiten Teil des Austausches in Israel.









Herzliches Willkommen am Grabbe

Der vierte deutsch-israelische Schüleraustausch hat begonnen. 24 israelische Schülerinnen und Schüler sowie die Schulleiterin Galit Bar-El und die Lehrerin Orit Hadash der Maccabim-Re’ut High School wurden am Wochenende herzlich von ihren gastgebenden Familien in Detmold begrüßt. Schulleiter Werner Klapproth betonte die Bedeutung des deutsch-israelischen Schüleraustausches nicht nur im historischen Kontext, sondern auch im Rahmen der Schulkultur am Grabbe. Die betreuenden Lehrer/innen Herr Dr. Arnhold, Frau Hilbert-Opitz, Frau Lettermann und Frau Vothknecht haben wieder einmal ein abwechslungsreiches Programm für die nächsten zehn Tage zusammmengestellt.
Neben Fahrten zur Wewelsburg, nach Osnabrück und Berlin lernen die israelischen Gäste natürlich auch Detmold und die nähere Umgebung kennen. So werden die deutschen Schülerinnen und Schüler ihre israelischen Gäste auf englisch zu den Spuren jüdischen Lebens in Detmold führen und gemeinsam den jüdischen Friedhof pflegen. Das Motto des diesjährigen Austausches lautet „Scaling walls and bridging gaps“ – „Mauern erklimmen und Ausgrenzungen überwinden“.