2011


Auf jüdischen Spuren

Israel AG reist zur jüdischen Gemeinde in Osnabrück

Von Dr. Oliver Arnhold (Text & Fotos)

Die Schüler/innen der Israel-AG machten sich am Donnerstagmorgen zusammen mit ihren Lehrer/innen, Eva Lettermann, Anja Vothknecht und Oliver Arnhold, mit dem Zug auf den Weg nach Osnabrück, um in der Friedensstadt jüdischen Spuren nachzugehen. Im Gepäck ein Leitfaden für ein Interview mit Ruth de Vries, der jüdischen Vorsitzenden der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Frau des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Osnabrück, doch dazu später mehr.
Zunächst stand nämlich in Osnabrück der Besuch des von Daniel Libeskind entworfenen Felix-Nussbaum-Hauses auf dem Programm, das die weltweit größte Sammlung des in Osnabrück geborenen Malers Felix Nussbaum beherbergt. Das Werk Nussbaums, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde, ermöglichte den Schüler/innen einen sehr persönlichen Einblick in die Situation der ins Exil getriebenen deutschen Juden sowie deren Verfolgung und Vernichtung während der Zeit des Nationalsozialismus. Noch unter dem Eindruck des von Nussbaum gemalten Bildes der alten Synagoge in Osnabrück stehend, die am 9. November 1938 in der Reichspogromnacht zunächst geplündert und dann in Brand gesetzt und zerstört wurde, ging es weiter in die 1969 eingeweihte und 2010 erweiterte und neu eröffnete neue Synagoge (vgl. dazu auch: http://www.kas.de/wf/de/71.9607), wo uns Ruth de Vries bereits erwartete.
Nachdem sich die Männer eine Kippa aufgesetzt hatten, konnte die Führung durch die wunderschönen Räumlichkeiten der neu gestalteten Synagoge beginnen. Im Synagogenraum stellten die Schüler/innen zunächst ihre Fragen zur jüdischen Religion, zur Geschichte und zum heutigen jüdischen Gemeindeleben in Osnabrück. Danach kam in einem Gemeinderaum, wo schon Tee und Gebäck auf die Reisegruppe aus Detmold wartete, der vorbereitete Interviewleitfaden zum Einsatz: Die Israel-AG hatte sich Fragen überlegt, die sich auf die Kindheit von Ruth de Vries nach 1945 bezogen. Sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater haben Auschwitz überlebt, noch heute begleitet Ruth de Vries ihre Mutter zu Zeitzeuginnengesprächen (zum Besuch von Erna de Vries am Grabbe-Gymnasium siehe LZ-Bericht Zeitzeugin erfüllt Versprechen =>). Die Schüler/innen interessierte, welchen Einfluss die Geschichte ihrer Eltern auf die Kindheit von Ruth de Vries und die ihrer Geschwister hatte und wie es für sie als jüdisches Kind und Jugendliche war, im „Land der Täter“ aufzuwachsen. Die Ergebnisse des sehr bewegenden und eindrücklichen Interviews werden am 27. Januar 2012 im Rahmen der zentralen Gedenkveranstaltung zur Befreiung von Auschwitz, die vom Grabbe-Gymnasium ausgestaltet wird, der Öffentlichkeit präsentiert werden.


Jüdisches Museum Berlin am Grabbe

Von Dr. Oliver Arnhold (Text) & Hajo Gärtner (Fotos)

Wer am 15. November vom Altbau Richtung Neubau über den Schulhof gegangen ist, hat ihn sicher bemerkt, den großen blauen Transitkastenwagen mit der Aufschrift: „on.tour - Das JMB macht Schule“. Das Grabbe-Gymnasium hatte nämlich Besuch aus Berlin: das Jüdische Museum kam mit drei seiner Mitarbeiter, Ulli, Alex und Johannes, sowie seiner mobilen Ausstellung an unsere Schule. Im Oktober war die erfreuliche Nachricht aus Berlin gekommen: Die Bewerbung des Grabbe hatte Erfolg gehabt! Die Gesamtausrichtung und die vielen verschiedenen Aktivitäten unserer Schule, insbesondere im Bereich des Israelaustausches und der Erinnerungsarbeit an die Zeit des Nationalsozialismus, hatte die Auswahlkommission des Jüdischen Museums beeindruckt und dazu bewogen, das Grabbe-Gymnasium als eine von zehn Schulen in Nordrhein-Westfalen in diesem Jahr zu besuchen.
Gleich zu Beginn der ersten Stunde wurde die Ausstellung im Neubaufoyer aufgebaut. Fünf große rote Ausstellungswürfel mit 16 Vitrinen und Texttafeln, die zentrale Objekte des Jüdischen Museums präsentierten, gaben Einblick in die jüdische Geschichte und jüdisches Leben in Deutschland. Anhand von Alltagsgegenständen und Zeremonialobjekten hatten die Klassen und Kurse, die die Ausstellung besuchten, aber auch die Schülerinnen und Schüler, die in den Pausen von der Ausstellung angelockt wurden, Gelegenheit sich über Themen wie „Jüdischer Alltag“, „Leben und Überleben“, „Chancen und Diskriminierung“ sowie „Jüdische Feier- und Festtage“ anschaulich zu informieren. Insbesondere die koscheren Gummibärchen fanden dabei reißenden Absatz.
Daneben boten die Mitarbeiter des Jüdischen Museums Workshops zu jüdischer Kindheit und Jugend nach 1945 an. Mit iPods konnten die Schüler die Kindheits- und Jugenderinnerungen von bekannten und unbekannten, gläubigen und weniger gläubigen Jüdinnen und Juden verschiedener Generationen über Kopfhörer anhören und einen Eindruck davon gewinnen, dass es auch nach 1945 jüdisches Leben in Deutschland gegeben hat und wie sich dieses veränderte.
Durch die Ausstellung und die Workshops gelang es den Mitarbeitern des Jüdischen Museums, den Schülern jüdische Kultur und Geschichte nicht nur näher zu bringen, sondern sie ihnen anschaulich vor Augen zu führen. Insbesondere die lebendigen und angeregten Diskussionen sowohl in der Ausstellung als auch in den Workshops dürften bei vielen Schülern des Grabbe jetzt auch das Interesse geweckt haben, einmal das Jüdische Museum in Berlin zu besuchen.

* * * * *



 


Wer ist Ada Brodsky?

Wer's wissen will, muss eine Reise nach Jerusalem antreten. Einfacher: jemanden fragen, der Bescheid weiß. Zum Beispiel die Geschichtsklasse von Steven Förster. Sie nimmt nämlich an einem Projekt teil, das vom Goethe-Institut in Jerusalem gefördert wird. Dabei geht es um Brodskys Biographie und ausgewählte Bücher aus ihrem Nachlass. Ada Brodsky hat deutsche Literatur, die sie hochschätzte, ins Hebräische übersetzt und damit zur deutsch-israelischen Versöhnung beigetragen. Mit ihren Lieblingsautoren befassen sich jetzt die Grabbe-Schüler. Das Projekt wird im Online-Portal des Jerusalemer Goethe-Instituts beschrieben. Dort ist auch eine Bildergalerie der Bücherreise zu sehen.

Deutsche Welle  =>
Bericht in Spiegel Online =>
Goethe-Institut Jerusalem =>Freitag, 23. April (0.00 Uhr)


 

Ein Davidstern auf dem Schotter

Berlin-Besuch im Rahmen des deutsch-israelischen Austauschprogramms

Von Cedric Trappmann

 

Berlin-Bahnhof Grunewald. Es ist ein wunderschöner Sommerabend. Züge fahren aus und ein, die Sonne scheint rötlich auf die Gleise herab. Ab und zu kommen ein paar Passanten auf der anderen Seite der Gleise vorbei. Am Gleis 17 im alten Güterbereich stehen 49 Jugendliche im Kreis. Man hört leise Stimmen und Vogelgezwitscher. In ihrer Mitte liegt ein Davidstern auf dem Schotter, aus Steinen und weißen Rosen gemacht. An jeder seiner sechs Ecken steht eine brennende Kerze. Es werden Texte gelesen, es wird gebetet. Die Stimmung ist gedrückt und irgendwie neu. Dann hört man Gesang: „haTikwa“, die Hoffnung. Der halbe Kreis singt die Nationalhymne Israels. „Solange noch im Herzen eine jüdische Seele wohnt, und nach Osten hin, vorwärts, ein Auge nach Zion blickt, solange ist unsere Hoffnung nicht verloren“, singen 24 israelische Jugendliche. Sie singen an dem Ort, von dem aus die Berliner Juden vor 70 Jahren noch zur Auslöschung ihres Volkes in Ghettos und Vernichtungslager im gesamten Osten Europas deportiert wurden. Einige Passanten stimmen in den Gesang ein. Scheinbar unendliche Trauer liegt über allem. Als der Gesang verstummt, herrscht Schweigen. Keiner findet ein Wort. Einige stehen da wie erstarrt, andere lesen die Daten des Schreckens an der Bahnsteigkante. Viele weinen. Dann beginnen sie sich zu trösten. Deutsche und Israelis fallen sich dort in die Arme, wo noch deutsche Großeltern die jüdischen wie Vieh zur Schlacht trieben. Zwei Stunden später herrscht eine ausgelassene Stimmung - als wäre nichts gewesen.

Das war am achten Tag des Besuchs einer Delegation der Maccabim Re‘ut High School in Deutschland bei Schülern des Grabbe-Gymnasiums der Stufen neun bis elf.

Begonnen hat alles eine Woche zuvor, auch an einem Freitagabend, als nach intensiven Vorbereitungen auf beiden Seiten zur Geschichte der zwei Länder eine Gruppe Israelis auf dem Schulhof des Grabbe-Gymnasiums eintrifft. Was sofort beim Empfang der Austauschgäste auffällt, ist, wie unerwartet ähnlich sich deutsche und israelische Jugendliche sind. Sie kennen die selben Filme, die gleiche Musik, und können zusammen lachen und feiern.

Das ist auch die Basis für das eigentliche Programm, das am Montag beginnt. Denn über das Programm eines ganz „gewöhnlichen“ Schüleraustausches hinaus liegt bei diesem Austausch, der alle zwei Jahre am Grabbe-Gymnasium stattfindet, der Fokus besonders auf der gemeinsamen Aufarbeitung gemeinsamer Geschichte. Dabei ist das Programm zweigeteilt: von Freitag bis Donnerstag findet es in Detmold statt. Dann steht vom folgenden Freitag bis zum Sonntag eine gemeinsame Reise in die Bundeshauptstadt Berlin auf dem Programm; eine Reise in die Stadt, die nicht nur eine pulsierende Metropole Deutschlands und Europas ist, sondern auch Zentrum und Schaltstelle des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland war.

Nachdem man sich am nahezu freien ersten Wochenende bei spontanen Feiern und Treffen schon sehr gut kennengelernt hat, beginnt am Montag das so genannte „Projekt“, das das Erzählen und Verarbeiten deutscher und israelischer Familiengeschichten in kleineren Gruppen zum Ziel hat, mit dem Film „Was bleibt - What remains“. Dieser Film zeigt unkommentiert Interviews der Tochter und der Enkelin einer KZ-Wärterin im Lager Ravensbrück sowie Interviews mit Erna de Vries, einer ehemaligen Insassin eben jenes Lagers, mit ihrer Tochter und mit ihrer Enkelin, die heute alle drei im Emsland leben, und von denen später noch die Rede sein wird. Diese Interviews sind im Film dabei so zusammengeschnitten, dass sich nach und nach die Geschichten der Familien zu einem Abbild einer immer mehr absurd und unverständlich erscheinenden Geschichte zweier Völker entwickeln. Nach diesem Vorbild sollen auch die ganz persönlichen Geschichten der israelischen und deutschen Schüler, die mit der Zeit immer mehr zu guten Freunden werden, einander gegenübergestellt werden. So bilden sich kleine Gruppen, die jeweils aus drei israelischen und drei deutschen Jugendlichen bestehen. Unter dem Motto „If stones could talk - Wenn Steine erzählen könnten“ beginnt jeder von sich, seiner Familie, seiner Vergangenheit zu erzählen. Dabei benutzt er jeweils einen zuvor gefundenen Stein, der die Geschichte seiner Familie symbolisiert. Vor allem die Deutschen erfahren während der Recherche ihrer Geschichte oftmals Neues, sie erfahren Dinge über ihre Familie, die ihnen zuvor völlig unbekannt waren. So hatten einige jüdische Vorfahren, von denen niemand etwas wusste, andere Groß- oder Urgroßeltern waren in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft hohe Mitarbeiter des Regimes.

Aus diesen einzelnen Geschichten und Schicksalen, die jeder zu berichten hat, entwickeln sich im Laufe des Mittwochs in jeder Gruppe die Projektarbeiten, symbolreiche Objekte zur Geschichte und zur Beziehung unserer beiden Länder heutzutage. Die Ergebnisse der Arbeit dieses Tages sind demnächst auch im Grabbe zu betrachten.

Bei der Eröffnung der Ausstellung der Projektarbeiten jeder Gruppe am Donnerstag schließt sich nun auch der Kreis des Projektes, das ja mit dem Film vom Schicksal der KZ-Insassin Erna de Vries begann. Diese machte sich auf den weiten Weg aus dem Emsland, um selbst mit den Schülern zu sprechen. Beinahe eine Stunde sprach sie vor einer vollen Aula über ihr Schicksal und ihre Erfahrungen als jüdisches Mädchen im Dritten Reich.

Unterbrochen wird dieses Projekt, das sich als Leitfaden durch die Zeit in Detmold zieht, von verschiedenen anderen Aktionen, wie einer gemeinsamen Podiumsdiskussion vor den Stufen neun bis elf sowie einem Besuch im ehemaligen KZ Niedernhagen in Büren-Wewelsburg; ein Ort ganz in der Nähe, von dem beinahe keiner der Schüler wusste, dass sich hier ein Konzentrationslager und das geplante Machtzentrum der SS befand. Und natürlich steht am Ende jedes Tages das Ausgehen der ganzen Gruppe in der Detmolder Innenstadt. So reden die jungen Menschen eben auch nicht nur über ihre gemeinsame Geschichte, sondern lernen sich und ihre Kulturen heute kennen.

Als dann am frühen Freitagmorgen, eine Woche nach der Ankunft der Israelis in Detmold, die Fahrt nach Berlin beginnt, haben sich längst feste Freundschaften zwischen vielen jungen Menschen beider Länder gebildet. Es sind nicht mehr eine deutsche und eine israelische Schülergruppe, sondern es ist ein vielfältiger Freundeskreis unterwegs, so hat man den Eindruck.

Und dann, nach einer langen, nicht ganz pannenfreien Busfahrt und einem Halt am Haus der Wannsee-Konferenz, wo 1942 die so genannte „Endlösung der Judenfrage“ detailliert organisiert wurde, machen sie sich auf zum Mahnmal Gleis 17 - für viele das bewegenste Ereignis der Fahrt.

„24.03.1943 / 756 Juden / Berlin - Theresienstadt, 25.03.1943 / 85 Juden / Berlin - Bergen-Belsen, 26.03.1943 / 493 Juden / Berlin - Auschwitz“ und immer so fort ist da in der Bahnsteigkante zu lesen. So steht da nun dieser Kreis junger Menschen mit ihren Lehrern. Still. Von tiefster Trauer, gleichzeitig jedoch von einem Gefühl der Zusammengehörigkeit gerührt. „Wir sind alle Brüder und Schwestern.“ Viele Sätze, die für uns oft so kitschig und abgegriffen klingen, erhalten hier erst ihren Sinn und ihre Wahrheit. Lernen kann man vieles in der Schule, verstehen jedoch nicht. Verständnis für die Wichtigkeit des Friedens und des Zusammenhalts entsteht erst hier, in gemeinsamer Trauer, in Zusammenhalt und Freundschaft, aus persönlicher Erfahrung heraus.

So wird diese Zeit, auch mit den nachfolgenden Tagen (und Nächten) in Berlin wohl jedem der Teilnehmer immer in Erinnerung bleiben. Als auch diese letzte wunderbar erlebnisreiche Zeit in Berlin vorüber ist, fällt der Abschied sehr schwer. Auch, dass man sich in einem halben Jahr wiedersehen wird, ist nur ein schwacher Trost, sieht man die Gemeinschaft, die sich in den wenigen Tagen hier entwickelt hat.

Deutschland und Israel haben eine schreckliche Vergangenheit. Doch ist es eine gemeinsame Vergangenheit, eine Vergangenheit, die verbindet. Und so vermag auch dieser Austausch in besonderem Maße zu verbinden, und einen ganz besonderen Geist zu entwickeln, der wohl ein Stück weit für ein ganzes Leben zu prägen vermag.