2008

 
Die Preisträger des Abiturjahrgangs 2008. Bitte auf das Bild klicken um es zu vergrößern. Foto: hjg



Entlassfeier 2008

Ansprache des Schulleiters Walter Hunger:

Die Beziehung
zwischen Abi und Bikini


Liebe Eltern, Verwandte und Freunde der Abiturientia 2008!

Ich begrüße Sie. Ein bedeutungsvoller Tag für Sie. Kosten Sie ihn aus, und im Blick auf heute Abend: Genießen Sie ihn. Und behalten Sie ihn in guter Erinnerung!

Verehrte ehemalige Kolleginnen und Kollegen, auch Sie begrüße ich. Namentlich und stellvertretend für alle begrüße ich als meine Vorgänger im Amt Sie, Herr Dr. Broer, Sie, Herr Kenter, Sie, Herr Krüger, und als Finanzverwalter unseres Fördervereins Sie, Herr Meier. Ich begrüße als Vertreter der Sparkasse Detmold Sie, Herr Hunold/Herr Spieß, und Sie, Herr Prof. Fischer als Rektor der FHS Lippe. Ich begrüße als Vertreterin der Elternschaft Sie, Frau Stahlberg. Besonders herzlich begrüße  ich Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten. In der Klimax der zu Begrüßenden bilden Sie heute den Höhepunkt und in dieser Feierstunde den Mittelpunkt.

Lassen Sie mich bereits hier Dank und Anerkennung aussprechen.
Ich danke Ihnen, den Eltern und Verwandten, für alles, was Sie in Ihre Kinder investiert haben, damit diese heute das Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife erhalten können. Geld war es sicher auch, vor allem aber Liebe, Zutrauen, Ermunterung, wenn nötig, Trost und Ermahnung. Ich gratuliere Ihnen bereits hier. Ich danke den anwesenden Kolleginnen und Kollegen für langjährige Arbeit an und mit den Schülerinnen und Schülern, die heute das Abi-Zeugnis erhalten. Ein großer Dank geht an Sie, Frau Nowak, für drei Jahre intensiver Beratung und Betreuung als Stufenleiterin. Zum 11. Mal haben Sie, Frau Nowak, zusammen mit einer Gruppe aus dem Abiturjahrgang den Gottesdienst
vorbereitet und gestaltet. Herzlichen Dank dafür! Ich danke besonders Ihnen, Herr Dr. Biehl, als dem Koordinator  der SII. Sie haben unermüdlich in der Schule geschafft, Probleme gelöst und werden das auch noch in den nächsten Tagen tun müssen. Auch beim Download der Aufgaben und dem sehr zeitaufwändigen Kopieren und Tuckern der Abi-Aufgaben waren Sie stets zur Stelle. Herzlichen Dank! An Sie, Herr Klapproth, geht ein besonderer Dank für alle Unterstützung und die Übernahme so mancher wichtiger Aufgabe zum Ende des Schuljahres.


Einige Überlegungen zu Ihrem Motto:  Abikini – knapp, aber passt schon!

Abikini, Bikini und Unterricht, da gibt es eine lange Beziehung. Seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts findet sich in der didaktischen Literatur als Definition für den Lehrervortrag folgendes. Der Lehrervortrag sei wie ein Bikini, anziehend, knapp und das Wesentliche abdeckend. Die Forderung nach Kürze ist wohl so alt wie die Menschheit. Eure Rede sei: Ja Ja , nein nein, heißt es in der Bibel.

Sie selbst haben von außen oder als Betroffene erlebt, wie knapp sich Abi-Prüfungen ansetzen lassen: von einem Montag auf den Dienstag der nächsten Woche.
Erst gestern Mittag haben Sie Herr Dr. Biehl, und Sie, Frau Nowak mit mir die nötigen Zeugnisse neu erstellt. Alle unter Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, haben gleich das richtige Zeugnis in Händen. Knapp, aber passt schon.

Für kurze prägnante Ausdrücke hat sich der Begriff „Kurzformel“ eingebürgert. Gerade die Werbung arbeitet gern damit. Beispiele finden Sie ohne mich.
An dieser Stelle könnte ich es mir leicht machen und Ihnen zurufen: Machen Sie sich auf die Reise in die Welt und finden Sie die Kurzformel für Ihr Leben. Vor Jahrzehnten vielleicht hätte eine Abituransprache mit diesem Appell enden können. Sie haben in der Schule gelernt, dass es den einen einzigzutreffenden Lebensentwurf in unserer Gesellschaft nicht geben kann. Stattdessen  Lebensentwürfe, im Plural, verschiedene Lebensentwürfe zu verschiedenen Zeiten Ihres Lebens, keine für alle Lebenszeiten und –Lebenssituationen passende Formel. Patchwork-Identität ist ein Begriff dafür.

Aber so resignierend möchte ich Sie nicht entlassen und so nicht ziehenlassen.
Auf der Suche nach einer Formel, der ich zutraue, für Sie hilfreich zu sein, stoße ich, Ihrem Abiturjahrgang nicht unvertraut, auf die zentralen Vorgaben für das Fach Deutsch und lese in den Unterlagen für die Lehrkraft, die Korrektur der Klausuren betreffend,  sinngemäß: Der Prüfling erläutert wesentliche Aspekte der Aufklärung. Immanuel Kant hat dafür die Kurzformel geprägt: Sapere aude.
Kant übersetzt es frei mit „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
Bleiben wir näher am lateinischen Text, dann meint der lateinische Wortlaut: Wage es, zu schmecken, zu kosten, auszuprobieren. Damit kommt das Abenteuer Ihres Lebens in den Blick:
Trau dich, herauszuschmecken, was Du willst.
Trau dich, anderes und mehr zu probieren.
Wage es, dein Leben auszukosten.

Wenn wir uns bewusst machen, welche Folgen die immerwährende Unruhe des Kantschen Sapere aude hervorgebracht hat, können Sie vielleicht ermessen, welche Aufgaben vor Ihnen am Horizont erscheinen, falls Sie sich die Kurzformel Sapere aude zu eigen machen.

Einige Impulse:

Halten Sie Ihre intellektuellen Möglichkeiten nicht zu früh und nicht auf zu niedrigem Niveau für ausgeschöpft. Grenzen werden Ihnen von anderen Instanzen gesetzt. Sie sollten den jeweils höchsten Anspruch an sich selbst für den Ihnen angemessenen halten. Wenn Sie in naher oder fernerer Zukunft verantwortlich Ihr Leben, Ihre Aufgabe in unserer Gesellschaft gestalten wollen, geht es nicht anders. Ich wünsche Ihnen dazu Wagemut und Kraft.

Entwickeln Sie Ihre soziale Kompetenz, und entwickeln Sie sie weiter. Nur wenige Menschen haben bisher bewiesen, dass sie, in selbstbegrenzter Umgebung lebend, weltweit und Jahrhunderte übergreifend Denkprozesse in Gang setzen können, z. B. Immanuel Kant mit seinem Imperativ Sapere aude. Für die Mehrzahl unter uns wird gelten, was die von Ihnen schon erfahren konnten, die eine Schule im Ausland besucht haben: Reisen bildet. Knüpfen Sie Kontakte, pflegen Sie sie über alle Distanzen hinweg, treffen Sie sich. Weniges gibt es, was Ihnen bei der Entfaltung Ihrer Persönlichkeit so hilft. Scheuen Sie sich nicht, Verantwortung zu übernehmen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Geschmack bekommen an dieser Art, Menschen zu begegnen, mit ihnen zu leben und zu arbeiten: Sapere aude!

Vergessen Sie nicht, was Ihnen bisher wichtig war: Literatur, Kunst, Musik, Religion und Philosophie. Wahr- scheinlich wundern Sie sich über die Aufzählung. Alle Gestaltungen und Überlegungen in den genannten Bereichen führen Sie über sich hinaus und auf Sie zurück. Die Künste, die Religion, die Philosophie machen uns in jedem Gedicht, in jeder Sonate, jedem Bild und jedem Weltentwurf Sinnangebote. Davon sollten Sie schon ein paar mehr kosten, als die Schule Ihnen anbieten konnte. Es lohnt sich für Sie. Das Gedicht, das Violinkonzert, ein zentraler Text Nietzsches oder auch Kants, das sind Gestaltungen, deren gemeinsames Merkmal ihre Unabgeschlossenheit ist. Sie lohnen jede Anstrengung. Wir haben im Deutschen eine wunderbare Formulierung, das auszudrücken. Wir lassen uns etwas auf der Zunge zergehen – Sapere aude.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie ihren persönlichen Zugang zu Kants Kurzformel finden. Sapere aude – gehen Sie das Wagnis Ihres Lebens klug und mutig ein.  Werden Sie dabei erfolgreich und glücklich!

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